Zwischen Wahn und Wirklichkeit


Frau in Trance bei einer Voodoo-Zeremonie in Benin. Allein dieser Zauberkult hat schon rund 50 Millionen Anhänger in Afrika

Hexenverfolgung in Afrika

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Amnestie für Hexenmörder, Konjunktur für Zauberer: In Afrika breitet sich ein zerstörerischer Irrglaube aus.
von Ruth Franziska Hoffmann, DIE ZEIT, Nr.2, 4.Januar 2001

»Vielleicht konnte Abraham Madibeng Phasha gerade noch sehen, dass die ersten Steine, die ihn trafen, aus der Hand seines Neffen kamen, bevor er blutend in den Sand fiel und unter den Geschossen der Umstehenden starb. Vielleicht hat er seine Mörder noch um Gnade gebeten - die meisten von ihnen waren seine Nachbarn in dem kleinen Bauerndorf Mahlabela im Norden Südafrikas. Aber vielleicht hat der 52-Jährige damals, im Februar 1993 auch gar nicht mehr versucht, sein Leben zu retten, weil er wusste, dass es sinnlos war. Schließlich war das Urteil gefällt: Tage zuvor war die verstümmelte Leiche von Phashas Bruder Moses gefunden worden. Und der Inyanga, der traditionelle Heiler und Wahrsager des Dorfes, hatte nach einer Befragung des Orakels nicht nur den Namen des Mörders, sondern auch sein Motiv verkündet: Er habe Brudermord begangen, um aus Teilen des Körpers Muti herzustellen. Muti ist Zulu und heißt Medizin. Abraham Madibeng Phasha, sprach der Wahrsager, sei ein Hexer, er schade der Gemeinschaft - ein Schuldspruch, der das Todesurteil bedeutete.

Jetzt - sieben Jahre nach der Steinigung des Hexers und nach sieben Jahren Haft - bittet sein Neffe Michael Morudi Phasha, einer der damaligen Vollstrecker, vor der südafrikanischen Wahrheitskommission um Amnestie. Der Mord sei eine notwendige politische Tat gewesen, denn sein Onkel habe durch Hexerei die Arbeit des ANC behindern wollen. Als Mitglied der ANC Youth League sei es seine Pflicht gewesen, den Onkel zu töten, sagt der 32-Jährige.
Für die Kommission stellt sich derzeit die schwierige frage, wie Gewaltverbrechen geahndet werden können, die aufgrund traditioneller Glaubenssysteme begangen wurden. Seit Mai hatte dieses Amnestiegremium in Thohoyandou über die Anträge von 34 Häftlingen zu entscheiden, die zu Beginn der neunziger Jahre im ehemaligen Homeland Venda insgesamt 26 angebliche Hexen ermordeten und dafür Strafen zwischen 12 Jahren und "lebenslänglich" verbüßen. Sie alle bezeichnen sich als ANC-Anhänger und begründen ihren Antrag auf Freilassung damit, dass ihre Opfer Zaubermedizin hergestellt hätten, um das Apartheidregime zu stärken.
In den meisten Fällen erkannte die Kommission den Glauben an Hexerei als mildernden Umstand an und gewährte Amnestie.
Damit steht sie eigentlich im Widerspruch zum Witchcraft Suppression Act (WCSA), einem Relikt aus der Kolonialzeit, das noch immer in Kraft ist: Das Gesetz verbietet es, jemanden der Hexerei zu bezichtigen, und stellt die Ausübung magischer Praktiken sowie die Herstellung und den Verkauf von Schutzamuletten oder -medizin unter Strafe. Die englischen Kolonialherren machten keinen Unterschied zwischen dem, was für die Menschen selbst böse Zauberei und was Magie zum Schutz vor ihr war. In ihren Augen handelte es sich um primitive, abergläubische Rituale - Zeichen der Rückständigkeit, die es auszurotten galt.
So leicht war der Bevölkerung der Irrglaube aber nicht auszutreiben. Im Gegenteil, die Maßnahme schürte ein tiefes Misstrauen gegenüber staatlichen Institutionen. Der Witchcraft Suppression Act, schreibt der Sozialwissenschaftler Anthony Minnaar, wurde als "Gesetz des weißen Mannes" empfunden und galt deshalb "im Bereich Hexerei als ungeeignet".
Bis heute hat sich daran nichts geändert: Auch in anderen afrikanischen Staaten, in denen der WCSA noch in Kraft ist, wie zum Beispiel Tansania, Simbabwe oder Uganda, fordern Juristen eine Gesetzesnovelle. "Der Witchcraft Suppression Act funktioniert nicht und muss dringend revidiert werden", schreibt The Herald aus Simbabwe. "Ein neues Gesetz muss sowohl die traditionellen wie auch die modernen Überzeugungen der Menschen berücksichtigen und Unschuldige schützen."
Gerade das wird für die betroffenen Regierungen schwierig. Sie müssen rechtsstaatlich handeln, während gleichzeitig ihre Glaubwürdigkeit auf dem Prüfstand steht: Aus Sicht vieler Afrikaner unterscheidet sich okkulte Macht "in ihrem Realitätsbezzug und in ihrem rational planbaren Gebrauch von weltlicher Macht nicht wesentlich", schreibt Dirk Kohnert vom Hamburger Institut für Afrika-Kunde in einem Beitrag für die Zeitschrift Sociologus. "Jede Herrschaft in Afrika, die sich nicht auf die Durchsetzung ihres Willens mit nackter Gewalt beschränken will", müsse sich daher "in beiden Machtsphären ausweisen, wenn sie als effektiv und legitim gelten will". Im Gesetzentwurf der südafrikanischen Regierung, über den das Parlament seit April berät, heißt es daher: "Der Glaube an Hexerei und die damit verbundenen Praktiken sind Teil der Kultur der Afrikaner in Südafrika."

Eine "Okkultwirtschaft" wachse hinter der "Fassade des neuen Südafrika heran", schreiben Jean und John Comaroff, Professoren für Ethnologie an der University of Chicago in der Zeitschrift American Ethnologist.
Traditionelle Heiler, Dial-In-Zauber und immer wieder neue Sekten versprechen der ständig wachsenden Kundschaft Schutz oder Heilung. Auch in modernen Großstädten ist der - eigentlich verbotene - Handel mit Zaubermedizin und Schutzamuletten üblich.
Beinahe täglich taucht das Thema in afrikanischen Medien auf. Mal gesteht ein christlicher Pfarrer, sich an der Steinigung einer Hexe beteiligt zu haben. Mal werden Menschen lebendig verbrannt oder begraben. In Kinshasa verhafteten Soldaten sechs Männer: Ihnen wurde vorgeworfen, sich in Krokodile verwandelt und 33 Menschen getötet zu haben. Hexerei ist die Antwort auf Krankheit oder Unfall, auf nicht bestandene Prüfung, Entlassung, Armut, Liebeskummer oder ungeklärte Todesfälle.

Nicht nur Polizisten haben Angst vor dem Zauber...

Und wer dere Schulmedizin nicht vertraut, kauft Menschenfett in einer Johannesburger Apotheke. "Es gibt bizarre Theorien darüber, welche Körperteile wofür gut sind", sagt die Hamburger Soziologin Jahsa Wiles. Besonders heilkräftig sollen Extrakte aus Kinderleichen sein, da ihre Körper als unverbraucht und rein gelten. "Es kommt nicht selten vor, das HIV-Infizierte Kinder vergewaltigen, in der Meinung, das könne heilen", berichtet Wiles.
Aus europäischer Sicht mag das wie ein Widerspruch zur Moderne erscheinen. Für viele Afrikaner ist es aber eine Möglichkeit, mit den Folgen ebenjener Moderne fertig zu werden: Der Glaube an Übersinnliches biete Erklärungen und diene so der Ent-Mystifizierung einer zunehmend als rätselhaft empfundenen Welt, in der vertraute Strukturen beständig in Frage gestellt oder gänzlich zerstört werden, schreib Jean Comaroff in der Zeitschrift Culture. Die Angst vor Hexen nehme nicht trotz, sondern wegen der rapiden Veränderungen durch Globalisierung und Moderne zu. Kein Zufall also, vermutet Kohnert, dass Hexenverfolgungen dort "epidemische Ausmaße" annehmen, wo die soziale Ungleichheit besonders eklatant ist.
In Südafrika ist das vor allem die Northern Province, das Gebiet der ehemaligen Homelands Venda, Lebowa und Gazankulu, wo das Pro-Kopf-Einkommen bei etwa 2100 Rand (weniger als 580 Mark) im Jahr liegt. Hier zählte das Institut for Multi-Party Democracy in Durban für die Zeit zwischen 1990 bis Ende 1999 insgesamt 432 tätliche Angriffe gegen Menschen, die im Verdacht standen, anderen durch Zauberei zu schaden. Im gleichen Zeitraum seien 587 Männer und Frauen als angebliche Hexen erschlagen oder lebendig verbrannt worden. Die Täter sind meist männlich und zwischen 14 und 38, die Opfer in Regel über 50 und meist Frauen; der Verdacht, Hexe oder Hexer zu sein, kann aber beide Geschlechter treffen. Verdächtig ist, wer sich durch Besitz oder Erfolg von seiner Umgebung abhebt. Ein großer Teil der Fälle wird gar nicht gemeldet. "Viele unserer Polizisten glauben an Hexen und gehen deswegen nur widerwillig gegen vermeintliche Mörder vor", sagt Seth Nthai, Minister für Sicherheit in der Provinzregierung.
Sein Ministerium hatte bereits 1996 eine Kommission von Wissenschaftlern verschiedener Disziplinen damit beauftragt, das Phänomen Hexenglauben zu untersuchen. Fazit des fast 300 Seiten starken Berichts, der nun auch dem Parlament in Kapstadt vorliegt: Die "überwältigende Mehrheit" der Befragten - quer durch alle Schichten und Altersgruppen, ungeachtet des Bildungsstandes oder der Lebensweise - ist fest von der Existenz dunkler Zauberkräfte überzeugt und hält Menschen, die sich ihrer bedienen können, für eine Gefährdung der Gemeinschaft.
Um der Situation Herr zu werden, wurde damals ein ganzes Paket von Maßnahmen verabschiedet. Doch weder die extra ins Leben gerufene Spezialeinheit der Polizei noch das Aufklärungsprogramm für Schulen oder die Zusammenarbeit mit lokalen Chiefs konnte das Problem bisher nennenswert entschärfen.
Hexenglaube ist jedoch kein kein ursprünglich südafrikanisches Phänomen: Nach einem Fußballspiel in Maputo kam es im Mai 1998 zu Schlägereien zwischen Fans der mosambikanischen Ferroviario und der Dynamos aus Simbabwe: Die Anhänger der mosambikanischen Mannschaft hatten dem gegnerischen Torwart vorgeworfen, mit seinen Ersatzhandschuhen, die hinter ihm im Tor lagen, auf magische Weise Treffer verhindert zu haben.

...sondern auch manche Minister glauben an Hexerei

In Tansania fielen einer Studie des Familienministeriums zufolge zwischen 1994 und 1998 über 5000 ältere Menschen Hexenjagden zum Opfer, Tendenz steigend. In der Shinyanga-Region, einem ländlichen Gebiet in der Nähe des Victoria-Sees, werden durchschnittlich jeden Monat neun Menschen wegen angeblicher Hexerei ermordet, berichtet der tansanische Verband der Medienfrauen (Tamwa).
Aufgrund des internationalen Schutzprogrammes für gefährdete Arten (Cites) wuchs in den vergangenen Jahren in Malawi die Krokodilpopulation. Wegen knapper Nahrung töteten die Tier im Süden im Durchschnitt jeden Tag über zwei Menschen, sagt der Wildhüter Khaled Hassen. Auf eine Anfrage des Provinzparlaments, was die Regierung gegen das Problem zu tun gedenke, antwortete George Ntafu, Minister für Wildlife, sein Ministerium gehe davon aus, dass die Ausbreitung der Krokodile auf Hexerei zurückzuführen sei.
Im Kongo werden laut BBC häufig auch Kinder der Zauberei verdächtigt. Allein in Kinshasa seien über 14.000 von ihren Eltern auf die Straße gesetzt worden. Andere werden gezwungen, sich bei Sektenpriestern exorzistischen Ritualen zu unterziehen, die oft tödlich enden. Die BBC zitiert eine Frau, die ihre Söhne, der eine acht, der andere zehn, für Hexer hält, weil sich in letzter Zeit die Missgeschicke gehäuft hätten: der kaputte Kühlschrank, die lange Krankheit, der streikende Motor.
Hinter der Überzeugung, dass manche Menschen durchaus in der Lage sind, anderen mithilfe von Zauberkräften zu schaden und sich selbst Vorteile zu verschaffen, steht das "Konzept von limitierten kosmischen Gütern", schreibt Anthony Minnaar. Danach habe jeder - entsprechen seiner gesellschaftlichen Stellung - Anspruch auf einen bestimmten Anteil Glück und Erfolg. Wer jedoch - etwa durch eine gute Ernte - deutlich mehr besitze, als ihm in den Augen seiner Umgebung zustehe, gerate in Verdacht, anderen mithilfe dunkler Mächte den Erfolg "gestohlen" zu haben.
"Wenn durch Entwicklungshilfe Ressourcen ungleich verteilt werden, schafft das ein ideales Klima für Hexenanklagen", sagt die Soziologin Jahsa Wiles. Das Lands Institute in Daressalam kam schon 1997 in einer Studie zu dem Schluss, dass der Glaube an Hexen entwicklungsfeindlich sei. "In Südafrika haben mir oft Leute, die einige Zeit in der Stadt gearbeitet hatten, gestanden, dass sie sich aus Angst vor dem Neid der Nachbarn nicht in ihr Dorf zurücktrauen", sagt Wiles.
Die 31-Jährige arbeitet im Rahmen des seit Juli 1999 bestehenden Sonderforschuungsbereichs "Umbrüche in afrikanischen Gesellschaften und ihre Bewältigung" der Universität Hamburg im Teilprojekt "Magie und Hexerei". Gemeinsam mit Projektleiter Dirk Kohnert erforscht sie den Einfluss okkulter Glaubenssysteme auf den Demokratisierungsprozess und Entwicklungshilfe-Projekte in Südafrika. Derzeit ist Wiles mit Feldforschung in den Provinzen Eastern Cape und Northern Province beschäftigt und untersucht, wie sich die enge Verzahnung okkulter und weltlicher Macht auf die Demokratisierung des Landes auswirkt, vor allem aber, wie sich die politische Entwicklung in Zukunft besser fördern lässt.
Gerade der Glaube an übersinnliche Kräfte lasse sich "äußerst effektiv" ausnutzen, um politische Interessen durchzusetzen, sagt Kohnert. Das Spektrum des Terrors reiche von Drohungen nach dem Motto "Ich kann sehen, wer mich nicht wählt" über die Diskreditierung des politischen Gegners durch Hexenanklagen bis hin zur Ermordung durch Schwarze Magie, sprich: Vergiftung.
Während des Wahlkampfes zu den ersten freien Wahlen in Benin 1991 wurde Nicéphore Soglo, der gegen Mathieu Kéréku antrat, plötzlich sterbenskrank. Die Ärzte in Paris, bei denen er Hilfe suchte, konnten zwar schwere Leberschäden feststellen, waren aber machtlos. Für viele Beniner, die vor dem Fernseher verfolgen konnten, wie Soglo sich halb tot zur Urne schleppte, war der Fall klar: Er war Opfer der Schwarzen Magie seines Widersachers geworden. Soglo gewann die Wahl und erholte sich. Das Gerücht hielt sich aber während seiner gesamten Amtszeit. Da der Händedruck im Verdacht stehe, bösen Zauber zu übertragen, sah kein Beniner den in Paris ausgebildeten Staatsmann mehr ohne weiße Handschuhe.«



Siehe auch: Hexen und Hexenverfolgung im Europa des späten Mittelalters und in der frühen Neuzeit