Der Vishnuismus
Entstehung und Verbreitung - Seite 3

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6. Die Alvars - begeisterte tamulische Dichter (6.-9. Jahrhundert)

7. Die vier Schulen des Vishnuismus

  1. Ramanuja (1050 - 1137)
  2. Madhva (1199 - 1278)
  3. Nimbarka (? 13. Jahrhundert)
  4. Vallabha (1479 - 1531)

8. Der Vishnuismus im Marathenland (Maharastra)

Das System der Pancaratra erfährt durch begeisterte tamulische Dichter, Alvars genannt, eine gewisse Reaktion gegen Philosophie, Spekulation, Yoga und Ritualismus. Diese in tiefer Meditation versunkenen lebten unter der Pallava-Dynastie, etwa im 6. - 9. Jahrhundert.
Sie stammen aus verschiedenen gesellschaftlichen Schichten und aus allen Teilen des südindischen Tamillandes. Stark religiöse Persönlichkeiten, die in fast fortwährender Verbindung mit ihrem Gott lebten und so sehr von Vishnu oder seinen Avataras Krishna oder Rama erfüllt waren, dass ihre Zeitgenossen sie bisweilen als verrückt betrachteten, zogen wandernd und singend von einem Heiligtum zum anderen. Ihre ungefähr 4000 Lieder, die später von Nathamuni im Divya-Prabhanda (göttlicher Kommentar) gesammelt wurden, sind das erste rein religiöse, nicht in Sanskrit, sondern in Tamil, ihrer Muttersprache, abgefasste Dokument hinduistischen Glaubens. Obgleich die Frömmigkeit der Alvars gewissermaßen an die Religiosität der Bhagavad-Gita anknüpft, ist sie noch tiefer und inniger. In ihrer Gottverherrlichung kann man hier auch von einer religiös-ästhetischen Gefühlsmystik sprechen. Es geht hier mehr um die ständige Vereinigung mit der Gottheit, als um die Befreiung vom Samsara. So ist ihr Ziel auch nicht Weltentsagung, sondern Gott selbstlos zu dienen, um somit Visnu, das höchste Selbst, zu erreichen.

Der erste der Arcayas der vishnuitischen Denker, der sich der Philosophie der Alvars anschloss und dessen Gesänge sammelte, in Musik setzte und sie in Vishnus Tempeldienst einführte, war Nathamunu (900 - 50). Sein Enkel war der erste Theologe (Yamuna zwischen 918 und 1038) dieser Richtung, die, mit den Alvars anfangend und in Ramanuja ihren Höhepunkt erreichend, sich als Verehrer von Vishnu und Sri Sri-Vaishnavas nennen. Yamuna gilt als der eigentliche Gründer des philosophischen Vishnuismus. Yamunas Lehre wurde von Ramanuja (1050-1137) weiter entwickelt.

Der wohl größte Vertreter der vishnuitischen Tradition bildet den Vishnuismus zur vollen Reife aus, nach dessen Namen sich die erste der vishnuitischen Schulen nennt. Als Begründer der größten aller vishnuitischen Konfessionen, als Neuerwecker der Bhakti-Frömmigkeit und durch die Inspiration der Alvars, deren Gedichte er von seinen Schülern sammeln ließ, hat dieser Brahmane aus dem tamulischen Süden wie kaum ein anderer vishnuitischer Theologe das geistige Leben Indiens stark beeinflusst. Er gründete eine Art Orden, der bis heute besteht und im Besitz von großen und reichen Tempeln ist. Dieser Orden kennt keine Initiation.
Ramanujas wichtigste Werke sind der "Vedarthasamgraha" (Kompendium der Bedeutung des Veda), Sribhasya, einer der Höhepunkte indischen Denkens, das eine ununterbrochene Widerlegung des Systems des Sankara enthält, dessen Betonung der erlösenden geistigen Erleuchtung (Jnana) die gefühlsmäßigen und sozialen Seiten der Religion - selbst, wenn diese in erster Linie bedeutet: Erlösungsstreben - nur ungenügend berücksichtigt. Das dritte Werk, das Gitabhasya, ist ein Kommentar zur Bhagavad-Gita. Besonders Sribhasya übte einen ungeheuren Einfluss aus. Es wurde die große philosophische Theologie dieser Richtung.
Nach seiner Lehre gibt es zwei Möglichkeiten zur Erlösung zu gelangen: durch Jnana (Erkenntnis), d.h. durch fortwährende Meditation über das Wesen Gottes und dessen Einheit mit der eigenen Seele, kann man sich eigenes Brahman-Sein vergegenwärtigen und den Zustand eines Isolierten erreichen. In diesem Zustand wird die Eigengestalt der Seele offenbar. Die zweite Möglichkeit ist Bhakti. In intuitiver, erfahrener Erkenntnis Gottes entsteht ein tiefes Bewusstsein der Einheit unter gleichzeitigem Verschwinden anderer Interessen. Diese Erlösten leben in Gott, durch Gott, für Gott, mit dem sie ihrer Natur nach eins, aber nicht identisch sind. Ramanuja genießt noch heute großes Ansehen und hat auch shivaitische Kreise beeinflusst. Ramanujas Gemeinschaft beachtet peinlich genau die Speisegebote und Kastenvorschriften und besitzt in ihren brahmanischen Mitgliedern einen kräftigen Kern. Ramanujas Nachfolger, die Ramanujiyas, blieben dem Pancaratraritual und den vishnuitischen Überzeugungen Ramanujas treu, obwohl im Laufe des 13. Jahrhunderts Meinungsverschiedenheiten über den eigentlichen Erlösungsprozess entstanden, die auch heute noch nicht beigelegt sind.

Madhva, der wahrscheinlich von 1199 - 1278 gelebt hat, ist der Stifter, der bis heute besonders im Süd-Westen bestehenden religiösen Bewegung der Madhvas, ein wahrscheinlich aus Bhagavata-Kreisen aufgewachsener Brahmane. Er propagierte auf fanatische Weise seine moralischen Gedanken und galt seinem Biograph und Zeitgenossen Narayana als Inkarnation des Windgottes Vayu. Auch er war ein entschiedener Gegner Sankaras. Er verfasste u.a. einen Kommentar zu den Brahmasutras, Erklärungen von Upanischaden und der Bhagavad-Gita und ein kurzes Werk über das Bhagavata-Purana. Nach seiner Lehre ist Vishnu der alleinige Hochgott (er ist Person und allgegenwärtig), die Welt ist real, auch der Unterschied zwischen Gott und Seele ist wirklich, alle Lebewesen sind Hari (Vishnu) Untertan und bilden höhere und niedere Klassen. Die Erlösung, die durch Bhakti erworben wird, besteht darin, dass die Seele das Glück erlebt, das ihr von Natur eigen ist.
Die kultische Verehrung, die zu Erkenntnis und Erlösung führt, umfasst u.a. das ununterbrochene Gedenken Vishnus, Reinigungsbäder, Wasserschlürfen, Mundausspülen, Atemübungen und Speisegenuss unter Hersagen von Mantras und Meditation über Vishnu, das Erfüllen bestimmter Observanzen ihm zu Ehren u.a. Fasten, das besonders geschätzte Aufdrücken oder sogar Einbrennen bestimmter Symbole der Allmacht Vishnus (Diskus, Muschel usw.) auf den Körper, das Tragen des senkrechten Zeichens der vishnuitischen Gemeinschaft auf der Stirn, das Empfangen eines sich auf Vishnu beziehenden Namens. Nur die männlichen Angehörigen der obersten drei Klassen dürfen den Veda studieren.
Besonderen Zuwachs gewann der Vishnuismus durch einen entstehenden Krishna-Radha-Kult zuletzt durch das letzte und in Indien berühmteste der Puranas, des Bhagavata. Vermutlich im 10. oder 11. Jahrhundert im Süden entstanden, gelangte er nach Norden. Die Bhagavata beinhaltet die Geschichte Krishnas insbesondere seine Jugendgeschichte, wobei die Liebesszenen mit den Hirtinnen (Gopis) einen großen Raum einnehmen. Krishnas Liebesfavoritin war Radha, die als Avatara der Sri-Lakshmi gilt. So entstand im 12. Jahrhundert wohl eine der schönsten Dichtungen der Sanskrit-Literatur - das Gitagovinda, das zugleich den Höhepunkt der erotischreligiösen Lyrik darstellt.
Hier wird Krishna als Kuhhirt besungen und behandelt dessen Liebe zu Radha. Indische Kommentatoren schreiben diesen Gedichten eine mystische Bedeutung zu. Hiernach behandele es die Liebe der menschlichen Seele (Radha) zu Gott (Krishna), ihre Trennung und schließlich deren Wiedervereinigung. In der Praxis wird auf den Hatha-Yoga großen Wert gelegt. So soll jeder Übende seine psychische Energie auf die Vereinigung beider Prinzipien ausrichten. Dem 16. Jahrhundert gehört Harivamsa (1585) an; er ist der Stifter der Gemeinschaft der Radha-Vallabis, die Radha als die Königin der Welt und Krsna als ihren Diener betrachten. Als eine der größten weiblichen Heiligen gilt die Rajputen-Prinzessin Mira Baj. Mit ihren Dichtungen habe sie Gott so sehr gerührt, dass er (d.h. sein Bild) sie leibhaftig in sich aufnahm. "Das Leben ist ohne Dich (Krishna) unerträglich, wie ein Lotos ohne Wasser und wie eine Nacht ohne Mond, so bin ich ohne Dich, mein Geliebter!"

Die starke Hinneigung zur Bhakti und die Furcht vor den Konsequenzen der Maya-Lehre, die den südlichen Vishnuismus seit etwa der Mitte des 11. Jahrhundert gekennzeichnet hatten, breitete sich nun nach Norden aus, und zwar in zwei Strömungen. Die eine, volkstümliche, bediente sich der Volkssprachen, die andere, zu welcher auch der im 13. Jahrhundert lebende Philosoph Nimbarka gerechnet wird, des Sanskrit. Mit Nimbarka tritt die Krishna-Verehrung in den Vordergrund. Nach seiner Lehre bilden Welt und Seele insofern mit Gott eine Einheit, als sie von ihm abhängen, sind jedoch ihrem Wesen nach von ihm ewig verschieden. So hat Brahman die zahllosen Seelen (Jivas) aus sich selbst geschaffen, ohne etwas von seiner Fülle und Absolutheit zu verlieren. Radha ist Krishnas ewige Gattin, die aus ihrem mit Brahman identifizierten Gemahl entstanden ist. Gott hat sich in Seelen und Materie umgestaltet. Der Heilsweg ist die erotisierende Bhakti, die nicht Meditation, sondern Liebe und Devotion ist. Durch die Selbsthingabe wird Bhakti erweckt, was zur Schau des Höchsten führt.
Mit Visvambhava Misra (1485 - 1533) aus Bengalen gewann der Vishnuismus noch einmal viele neue Anhänger. Er erkannte Radha eine sehr herausragende Stellung in seinem Kult und Denken zu. Nachdem Visvaibhava im Jahre 1509 von einem Madhva ordiniert worden war und den Namen Krishna Caitanya angenommen hatte, wanderte er sechs Jahre lang durch viele Gegenden Indiens und ließ sich zuletzt in Puri nieder, wo er die letzten Jahre seines Lebens in Ekstasen und - wegen der Trennung von Krishna - unter brennenden Schmerzen verlebte. Er war eine hervorragende Persönlichkeit, der die Radha-Krishna-Mythe zu einer Ideologie erhob. Er galt als großer Visionär, der fortdauernd von Gott redete. Das Zentrum des krishnaitischen Kultes wurde Vrndavana (Brindavan) bei Mathura (nahe Delhi). Nach Caitanyas Lehre kann nur die sechsstufige Bhakti aus dem Samsara befreien. Diese ergreift die ganze Persönlichkeit, was mit Ohnmacht, Zittern, Weinen, Schwitzen usw. einhergeht. Ihre Krönung ist die Liebe (Preman), in welcher sich das Aufgehen der Seele im Göttlichen vollzieht. Diese Liebe ist der Gegenpol der irdische Leidenschaft, frei von jeder Erotik, endlos und anfangslos und doch immer neu. Ihrer Natur nach ekstatisch, ist sie eine Kommunion der Seele mit Gott. In der Ekstase soll der Bhakta Gottes voll werden, wie die Biene vom Honig. Das Ideal besteht im Zustand eines Erlösten, der ewig an Krishnas Spiel(lila) teilnehmen darf. Dieses Ideal findet seine Personifikation in Radha, die zugleich als Krishnas Shakti aufgefasst wird, durch welche der Weltprozess vor sich geht. Jedermann war Caitanyas Bhakti-Bruderschaft willkommen, und in religiösen Dingen wurden die Kastendifferenzen kaum beachtet. Er wies Tausenden einen Weg sich Gott ohne Riten und ohne die Vermittlung der Brahmanen zu nähern. Für Caitanya war das ständige Chanten des Mantras Hare Krishna, Hare Krishna, Krishna, Krishna, Hare, Hare, Hare Rama, Hare Rama, Rama, Rama, Hare, Hare die einzige und leichteste Methode, die Befreiung zu erreichen. Die Gleichheit der Geschlechter wurde so weit durchgeführt, dass Frauen sogar führende Stellungen in der Bewegung eingenommen haben. Er respektierte aber das Kastenwesen als soziale Ordnung.

Vallabha (1479 - 1531), in der Tradition der Madhvas erzogen, war der Stifter der vierten Schule des Vishnuismus. Nach ihm sind die inkarnierten Seelen und die Welt, die unbeseelte Materie mit Gott vollkommen identisch. Die Welt, in welcher Gott durch seine Kräfte( Shakti ) wirkt, existiert wirklich. Ihr periodischer Untergang ist nur ein verschwinden, ein Aufhören Brahmans, sich selbst zu manifestieren. Als bester Heilsweg wird Bhakti empfohlen. Man kann sagen, dass Vallabha die Lehren des Bhagavata-Purana im Lichte bestimmter religiöser und erkenntnistheoretischer Anschauungen systematisiert hat. In seinem System spielt Radha keine Rolle. Er predigt die Lebensfreude und legt der Askese keine hohe Bedeutung bei. Er selbst war verheiratet und wurde erst am Ende seines Lebens ein Samnyasin. Statt der Welt zu entsagen, soll der Gläubige alles Gott anheimstellen. Da seine Ansichten auch eine extreme Guru-Verehrung umfassen, die als menschliche Inkarnation Krishnas gelten, genießen die Vorsteher (erbliche Hohepriester) fast göttliche Verehrung. Ihr Anspruch, über Vermögen, Leib und Seele der Gläubigen zu verfügen, hat sie bisweilen zu der Forderung verleitet, dass Frauen und Töchter derselben sich ihnen hinzugeben hätten.

Spätere Auswüchse des erotischen Krishnaismus wurden dann von verschiedenen Kreisen bekämpfet. Rama, die V. Inkarnation Vishnus, wird im Ramayana verehrt. Rama erschafft die Welt durch das Öffnen seiner Augen. Er ist der große Erretter, der die vom Dämonenfürsten Ravana gequälte Erde erlöst hat. Der Heilsweg der Ramaverehrung, der auch Frauen und Mitgliedern niederer Kasten ein Mittel zur Erlösung bietet, beginnt mit der Verehrung der Götterbilder durch Wasser, Blumen, Lichter, Speisen, Tanz, Gesänge und Textvorlesungen. Die geistige Beschäftigung mit Rama ist dabei besonders wichtig. Eine bestimmte Lebensführung fördert Bhakti. Rama-Bhakti ist sittsamer und weniger überschwenglich als die Krishna-Radha-Verehrung. Der Rama-Kult nahm mit Narayana, besser bekannt unter dem Ordensnamen Ram(a)das(a) (1608 - 1681) im Marathenland (Maharastra ), eine besondere Stellung ein. Ramdas gründete um 1648 den Ramakult in Chapala, wo er später Shivaji, den Freiheitskämpfer und Fürsten der Marathas, weihte. Die Moslems, die vor 300 Jahren das Marathenland seiner Unabhängigkeit beraubt hatten, hatten deren gesellschaftliche Stellung untergraben, und manche waren dem Hinduismus untreu geworden. Shivaji schaffte einen neuen Hindu-Staat.


Auszug des Referats: DER VISHNUISMUS - Entstehung und Verbreitung, Studium Religionsgeschichte, FU-Berlin,
vorgetragen am 15. April 1992, Referent: Rainer Kurka.


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