Der Vishnuismus
Entstehung und Verbreitung - Seite 2

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3. Narasimha, die Mann-Löwe-Inkarnation Vishnus und seine Anhängerschaft

4. Vishnuismus - Charakterisierung allgemein

  1. Bhakti (Gotteshingabe) (mehr zum Thema)
  2. Erlösung auch niederen gesellschaftlichen Klassen zugänglich
  3. Bestimmte im Shivaismus bevorzugte Riten und der Ritualismus im allgemeinen bleiben verhältnismäßig unwichtig
  4. Esoterische und besonders die blutigen Zeremonien fehlen

5. Das Pancaratra-System

  1. Initiation
  2. Aufnähme in den vishnuitischen Orden
  3. Ahimsa - Gewaltlosigkeit gegenüber alles Lebendige, daher der strenge Vegetarismus und die Rinderverehrung, als höchstes Gebot der Hindus.

Eine weitere Inkarnation ist die des Mann-Löwe, als Narasimha.
Narasimha wird bis heute, besonders im Süden verehrt, wo er in mancher Familie noch als Familiengott dient. Diese Anhänger besaßen angeblich schon etwa im 6./7. Jahrhundert eine eigene "Theologie". Diese Gruppe, die den Mann-Löwen mit Brahman, dem Atman (Seele) und der heiligen Silbe OM identifiziert (davon handelt die zweite Upanischad) hat ein spezielles Yantra (Zeichen, Opfer), das, im Haar oder am Arm getragen, als wirkungsvolles Amulett betrachtet und dessen Anfertigung in den Upanischaden gelehrt wird.

Der Visnuismus jener Zeit lässt sich im allgemeinen folgendermaßen charakterisieren:
- Die Bhakti (Gotteshingabe) rückt in den Mittelpunkt.
- Die Überzeugung, dass die Erlösung vom Samsara auch den niederen gesellschaftlichen Klassen zugänglich ist, gewinnt an Macht.
- Bestimmte im Shivaismus bevorzugte Riten und der Ritualismus im allgemeinen bleiben verhältnismäßig unwichtig.
- Esoterische und besonders die blutigen Zeremonien fehlen.

Inhaltlich geht es natürlich um die Interpretation des Verhältnisses von Welt, Seele und Gott zueinander. In den unterschiedlichen Interpretationsmodellen unterscheiden sich dann auch die im 11. - 15. Jahrhundert herausgebildeten visnuitischen Schulen.

Der Vishnuismus ergänzt die allgemein anerkannten maßgebenden Schriften durch eine Reihe anderer Werke. In ihnen wird das sogenannte Pancaratra-System dargelegt . Die für die Zeit ab dem 7. Jahrhundert sehr wichtige Pancaratra- oder Ekantika-(monotheistische) Konfession hat ihre Wurzeln in einer alten visnuitischen Strömung, die besonders die Bedeutung von Sri oder Lakshmi, Vishnus Shakti, hervorhob. Lakshmi wird hier, obwohl letztendlich mit Vishnu identisch und die Manifestation seines Wollens, als jene Kraft betrachtet, die als das Universum selbst erscheint und dieses zugleich belebt und regiert. Nach der Schöpfungstheorie der Pancaratras erwacht Vishnus Shakti auf dessen Geheiß und nimmt Kraft ihrer spontanen Machtentfaltung ihren doppelten Aspekt von Handeln und Werden, d.h. Kraft und Materie, an. In seiner transzendentalen Gestalt verweilt Vishnu in seinem überweltlichen Himmel Vaikuntha - der nach späterer Ansicht unvergänglich ist und außerdem Vishnus Gattinnen Sri und Bhumi (Erde), die ewigen Seelen (z.B. Vishnus Reittier Garuda und die Weltschlange Sesa oder Ananta) und die Erlösten beherbergt.
Die Lehre der Pancaratras bezeugt einerseits das Bewusstsein, dass diese Welt mit Gott verbunden ist, andererseits die Erkenntnis, dass beide zu unterscheiden sind, dazu auch das Bedürfnis, sich nicht allein das Werden und Funktionieren mittels einer Entwicklungstheorie zu erklären, sondern auch diese Evolution mit dem monotheistischen Ausgangspunkt und der Ureinheitslehre zu harmonisieren. Bei dieser Welterklärung werden Grund und Zweck des Samsara aber ausdrücklich ein Mysterium genannt: es ist Gottes Spiel (lila), durch dessen Maya-Macht.
Nach der Vishnu Samhita, die den Wert des sogenannten Bhagavata-Yoga betont, muss der Schüler an einem einsamen Ort meditieren, Selbstkritik üben und sich das Gefühl, von Gott völlig abhängig zu sein, zu eigen zu machen.

Nach Einführung in die Yoga-Methoden, nach einer Art Beichte, einer langen Probezeit und einer esoterischen Belehrung über die Mantras, die das Wesen der göttlichen Macht verkörpern, ist die Weihe vollzogen. Dabei gelangt der Schüler in den Besitz der den visnuitischen Orden gemeinsamen fünf Kennzeichen:
1. Symbole des Gottes werden dem Körper eingebrannt (Tapa),
2. Das Zeichen der Religionszugehörigkeit (Pundra) wird auf die Stirn gemalt,
3. Man erhält einen neuen religiösen Namen (Naman),
4. Ein bestimmtes Mantra mitsamt seiner geheimen Bedeutung wird einem zugeflüstert,
5. und man wird darüber belehrt, welche Gestalt der Gottheit man in einer bestimmten Art und Weise verehren soll (Yaga).

Diese Weihe bringt den Adepten in nähere Verbindung mit Gott. Die religiöse Praxis der Pancaratras steht jedem Mitglied der vier Hindu-Kasten offen. Da allen neben Wahrheitsliebe Versöhnlichkeit und ehelicher Treue in erster Linie die Pflicht des Ahimsa obliegt, die während dieser Zeit in vielen Kreisen große Verbreitung gefunden hat, ist der Ritus unblutig.
Das Pancaratra-System hat sich spätestens im 8. Jahrhundert von Norden nach Süden ausgebreitet.


Auszug des Referats: DER VISHNUISMUS - Entstehung und Verbreitung, Studium Religionsgeschichte, FU-Berlin,
vorgetragen am 15. April 1992, Referent: Rainer Kurka.


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