Toleranz - Inhaltliche und Repressive Toleranz - Freiheit und Sicherheit

Der Begriff Toleranz hat immer mit Meinung und der Erduldung (tolerare - erdulden) anderer Meinungen zu tun. Jemand kann demzufolge nur tolerant sein, wenn selbiger eine Meinung hat und eine andere Meinung erduldet. Hat jemand keine Meinung z.B. zum Thema Religion, ist demjenigen dieses Thema egal, so spricht man hier eher nicht von Toleranz, da ja keine Meinung da ist, die - wegen Ermangelns einer eigenen Meinung - erduldet werden müsste. Die Verfassung demokratischer Rechtsstaaten garantiert das Recht der Meinungsfreiheit als elementares Menschenrecht. Staaten, die den pluralistischen Gedanken nicht in ihrer Verfassung verankert haben, gelten in der Regel auch nicht als tolerant, da Meinungsvielfalt nicht geduldet und demzufolge auch nicht erduldet wird. Diktaturen dulden nur eine Meinung. Natürlich ist Toleranz dort, wo sie Selbstverständlichkeit ist, auch nicht beliebig und grenzenlos. Es gibt Grenzen der Toleranz, welche immer wieder neu diskutiert werden müssen. Einigkeit besteht jedoch weitestgehend darin, dass die Meinungsfreiheit dahingehend unantastbar ist, wenn es darum geht, Verbrechen aufzudecken. Diese Absicht verfolgte die "Enthüllungsplattform" Wikileaks, als hier im April 2010 das Video "Collateral Murder" veröffentlicht wurde, das den Beschuss von US-Militär auf unschuldige Menschen in Irak zeigt. Zuarbeiter wie Mitarbeiter von Wikileaks wurden nun kriminalisiert. Nach den Veröffentlichungen von vertraulichen und teils geheimen Botschaftsdepeschen aus dem US-Außenministerium ab Herbst 2010 wurde der Chef von Wikileaks, Julian Assange, als Staatsfeind betrachtet, der nach dem Willen vieler US-amerikaner ermordet werden müsse... So zeigt eine Internetplattform die Verbrechen von Staaten auf und wird als Staatsfeind kriminalisiert ?

[...] Der Gedanke der Toleranz stammt wesentlich aus der Bemühung, die Tatsache weltanschaulich-religiöser, politischer und kultureller Verschiedenheit zu bewältigen. Denn diese konfrontiert mit dem Konfliktpotential z.B. gegensätzlicher Wahrheitsüberzeugungen, ausgrenzender Vorurteile, politischer Gegensätze, ungleichmäßiger Machtverteilung (Minderheitenproblem) usw. Gegenüber allen totalitären "Problemlösungen" bedeutet Toleranz den Versuch der Koexistenz und Duldung. So ist sie eine Basisbedingung des demokratischen Zusammenlebens und des für das Gemeinwohl erforderlichen Zusammenhandelns. Demgemäß hat Toleranz ihre Grenze in der Nicht-Duldung totalitärer Intoleranz.

Üblicherweise unterscheidet man zwischen formaler Toleranz und inhaltlicher Toleranz. Erstere besteht vor allem in der Duldung des Widersprüchlichen und Andersartigen. Da Gegensätze nicht einfach aufgehoben werden können, schon gar nicht durch Druck, ist sie eine Forderung der Vernunft angesichts der Tatsache des Pluralismus. Sie erweist sich, kritisch betrachtet, allerdings doch als eine eher passive, auf bloße Konfliktvermeidung ausgerichtete Verhaltensregel.

Sie belässt Verschiedenheiten und Gegensätze unbefragt, ja verbietet eigentlich jeden Versuch eines partnerschaftlich-kritischen Austausches. So bleiben aber Vorurteile unkorrigiert bestehen, werden Widersprüche nicht bearbeitet, ist ein gegenseitiges Kennen- und Verstehenlernen kaum möglich. So kann formale Toleranz mit ideologischer Überheblichkeit, Abgrenzungsmentalität und Chancenungleichheit (politisch, ökonomisch) verbunden sein.

Inhaltliche Toleranz besteht in der "freien Anerkennung" (O. Höffe) des Verschiedenen und Gegensätzlichen. Wenn sie darauf abhebt, dass niemand den vollen Besitz der Wahrheit für sich in Anspruch nimmt, dass vielmehr jeder von jedem auch lernen kann, so muss das nicht zum Relatitivismus führen.
Vielmehr ist sie grundsätzlich darauf ausgerichtet, dass Menschen in verschiedenen kulturellen, religiösen, politischen Traditionen leben und dass sie ihre Überzeugungen auf dem Weg ihrer lebensgeschichtlichen Einbindung gewinnen. Es geht also fundamental um die aktive Anerkennung der je eigenen, vom Gewissen getragenen Überzeugungswahrheit und des personalen Rechtes auf andersartige Selbstbestimmung.

Darüber hinaus bedeutet inhaltliche Toleranz die positive Kenntnisnahme des Verschiedenen, insofern es die eigene Überzeugung bereichern kann. Bei aller Standpunktfestigkeit und bei aller Ablehnung z.B. eines interreligiösen Synkretismus bleibt doch die Tatsache bestehen, dass sich verschiedene Überzeugungen und Lebensperspektiven gegenseitig stimulieren und ergänzen können. So sind auch gegenseitige Kritik, gemeinsame Abarbeitung repressiver Lebensbedingungen und partnerschaftliche Lebensgestaltung möglich. [...]
Aus: V. Eid in: Lexikon der Religionen, Herder, Freiburg, 1987, S. 661 f.

Von hoher Aktualität sind auch im beginnenden 21. Jahrhundert die Ausführungen von Herbert Marcuse (1898 - 1979) zum Thema Toleranz. In den westlichen Industrie-Gesellschaften des beginnenden 21. Jahrhunderts erdulden die meisten Menschen neben anderem Gewalt, Kriege, Unterdrückung, Überwachung, Ausgrenzung, Diskriminierung und Veramung nahezu ohne Gegenwehr. Dem "Toleranz-Diktat" unterworfen, lassen sich die Menschen beleidigen, schlagen und sogar töten. Sie erdulden und bejahen den nach dem 11. September 2001 proklamierten "Krieg gegen den Terror" und die darauf folgenden Angriffskriege der USA mit Unterstützung ihrer Verbündeteten (Krieg gegen Afghanistan, Irak). Sie erdulden, dass ihre Kinder als Soldaten in solchen Kriegen sterben und fordern zur Wahrung ihrer "Freiheit" und "Sicherheit" (was all jene Bereiche mit einschließt, die die körperliche und geistige Unversehrtheit betreffen) die Einschränkung ihrer Bürgerrechte, die Unterdrückung ihrer freien Meinung, die Kontrolle und Überwachung aller Bereiche ihres Lebens (z.B. Telefon, Bankkonto, Internet, Konsumverhalten, Ernährung, Gesundheit etc.), weil sie Angst haben, eben diese "Freiheit" und "Sicherheit" verlieren zu können. Paradoxer gehts wohl nimmer. Dass ihre Angst im Wesentlichen auf gezielter Manipulation beruht (programmatisch ausgeübt durch diejenigen gesellschaftlichen Personen und Gruppen, die Politik und Medien steuern und den "Mainstream" einer Gesellschaft bestimmen), wird nicht gesehen, will nicht gesehen bzw. kann aufgrund mangelnder, freier Reflexionsfähigkeit* auch nicht gesehen werden. Zu groß ist das Bedürfnis, im Mainstream mitzuschwimmen, zu groß ist die Angst, nicht zur Mehrheit zu gehören oder gar ein Außenseiter zu sein.

* Die freie Reflexionsfähigkeit verlangt, dass der Mensch sich bewusst darüber ist, was sein Denken, Fühlen und Handeln bestimmt, d.h. wie er konditioniert ist.

Die Reduzierung ihrer Person auf ihren wirtschaftlichen Wert wird selbstverständlich anerkannt, ebenso die Einengung der Gedanken-, Sprach- und Meinungsfreiheit auf vorgegebene Standardisierungen der öffentlichen Sprache ("Political Correctness"), die festlegen, in welche Richtung sich der Denkprozess der Menschen bewegen soll, wobei Tabus eingeschlossen sind und Worte in orwellscher Weise uminterpretiert werden (aus "Krieg" wird "Friedensdienst" etc.).
Was noch in den 1970er/1980er Jahren nur ansatzweise und im Entferntesten vorstellbar war, ist im Jahr 2010 alltägliche Normalität. Die SF-Romane "1984" von George Orwell (erschienen 1949) oder auch "Schöne neue Welt" von Aldous Huxley (aus dem Jahre 1932), ließen in Anbetracht der damaligen beginnenden technischen, wirtschaftlichen und politischen Entwicklung durchaus erahnen, wie die nahe Zukunft aussehen könnte; nicht ohne Grund wurde damals das Ministerium für Datenschutz gegründet oder hat sich ein großer Protest gegen die Volkszählung von 1987 erhoben, was für das Jahr 2011 - dem Jahr der nächsten Volkszählung - im Zeitalter von Handys, GPS, Google Earth, Facebook und Twitter etc. kaum denkbar ist.

Herbert Marcuse: Repressive Toleranz (1965)
[...] Toleranz ist ein Selbstzweck. Dass die Gewalt beseitigt und die Unterdrückung so weit verringert wird, als erforderlich ist, um Mensch und Tier vor Grausamkeit und Aggression zu schützen, sind die Vorbedingungen einer humanen Gesellschaft. Eine solche Gesellschaft existiert noch nicht; mehr denn je wird heute der Fortschritt zu ihr hin aufgehalten durch Gewalt und Unterdrückung. Als Abschreckungsmittel gegen einen nuklearen Krieg, als Polizeiaktion gegen Umsturz, als technische Hilfe im Kampf gegen Imperialismus und Kommunismus. Als Methoden zur Befriedung in neokolonialistischen Massakern werden Gewalt und Unterdrückung gleichermaßen von demokratischen und autoritären Regierungen verkündet, praktiziert und verteidigt, und den Menschen, die diesen Regierungen unterworfen sind, wird beigebracht, solche Praktiken als notwendig für die Erhaltung des Status quo zu ertragen.

Toleranz wird auf politische Maßnahmen, Bedingungen und Verhaltensweisen ausgedehnt, die nicht toleriert werden sollten, weil sie die Chancen, ein Dasein ohne Furcht und Elend herbeizuführen, behindern, wo nicht zerstören.
Diese Art von Toleranz stärkt die Tyrannei der Mehrheit, gegen welche die wirklichen Liberalen aufbegehrten. Der politische Ort der Toleranz hat sich geändert: während sie mehr oder weniger stillschweigend und verfassungsmäßig der Opposition entzogen wird, wird sie hinsichtlich der etablierten Politik zum Zwangsverhalten. Toleranz wird von einem aktiven in einen passiven Zustand überführt, von der Praxis in eine Nicht-Praxis: ins Laissez-faire der verfassungsmäßigen Behörden. Gerade vom Volk wird die Regierung geduldet, die wiederum Opposition duldet im Rahmen der verfassungsmäßigen Behörden.
Toleranz gegenüber dem radikal Bösen erscheint jetzt als gut, weil sie dem Zusammenhalt des Ganzen dient auf dem Wege zum Überfluss oder zu größerem Überfluss. Die Nachsicht gegenüber der systematischen Verdummung von Kindern wie von Erwachsenen durch Reklame und Propaganda, die Freisetzung von unmenschlicher zerstörender Gewalt in Vietnam, das Rekrutieren und die Ausbildung von Sonderverbänden, die ohnmächtige und wohlwollende Toleranz gegenüber unverblümtem Betrug beim Warenverkauf, gegenüber Verschwendung und geplantem Veralten von Gütern sind keine Verzerrungen und Abweichungen, sondern das Wesen eines Systems, das Toleranz befördert als ein Mittel, den Kampf ums Dasein zu verewigen und die Alternativen zu unterdrücken. Im Namen von Erziehung, Moral und Psychologie entrüstet man sich laut über die Zunahme der Jugendkriminalität, weniger laut über die Kriminalität immer mächtigerer Geschosse, Raketen und Bomben das reifgewordene Verbrechen einer ganzen Zivilisation. [...]


Herbert Marcuse - und mit ihm die "Frankfurter Schule" (Institut für Soziaforschung) - gilt als Wegbereiter der "politischen Korrektheit". Der Begriff, abgeleitet aus der Marxistischen Theorie, wurde zum kulturrevolutionären Instrument im Kampf gegen die westliche Kultur (siehe "Geschichte der Politischen Korrektheit") - andere verorten political correctness bei den US-amerikanischen Puritanern.
Die "politische Korrektheit" toleriert alles, was von "links" kommt und boykottiert bzw. bekämpft alles, was von "rechts" kommt. In Verbindung mit der Psychiatrie werden Andersdenkende pathologisiert. Die "Politische Korrektheit" wurde im Sinne der neoliberalen Globalisierungsbefürworter Mainstream.
Unterstützend dabei ist der ebenfalls vom kommunistischen Lager ideologisierte Begriff "Rassist". Der von Leon Trotzki auf die "rückständigen" Gegner des Kommunismus angewandte Begriff erlaubte es, jeden als Rassisten zu bezeichnen, der den Marxismus ablehnte. Trotzkis Rassismus-Vorwurf richtete sich insbesondere gegen die ewig gestrigen Traditionalisten ("Slawophilismus, der Messianismus der Rückständigkeit"). Heute wird das Schlagwort "Rassist" inflationär gegen jeden benutzt, der nicht der vorgegebenen politisch-korrekten Linie entspricht (wie z.B. bei dem 2015 eskalierten Streit um die Aufnahmebegrenzung von Flüchtlingen).

Zitat: www.infopartisan.net, Herbert Marcuse, Repressive Toleranz

"Bürgerlicher Ungehorsam ist das angeborene Recht eines jeden Bürgers. Gibt er es auf, hört er auf, ein Mensch zu sein."

Mahatma Gandhi, * 2. Oktober 1869 in Porbandar, Gujarat; 30. Januar 1948 in Neu-Delhi, Delhi
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Mehr Literatur zum Therma:

H. R. Guggisberg (Hg.), Religiöse Toleranz, Stuttgart 1984;
O. Höffe, Pluralismus/Toleranz: NHThG III 363-378;
H. Lutz (Hg.), Zur Geschichte der Toleranz und Religionsfreiheit, Darmstadt 1977;
H. R. Schlette, Zum Thema Toleranz, Hannover 1979;
W. Post, Toleranz: SM (D) IV 934-943.

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