Zum Begriff "Spiritualität"

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Eingedeutscht aus der französischen „spiritualité“, einem Begriff, der im 17. und im 18. Jahrhundert in Frankreich intensiv benutzt wurde.
Das Wort „spiritualité“ lässt sich wiederum auf das lateinische „spiritualis“ (dt. „geistlich“) zurückführen, welches sich zum ersten Male am Ende des 5. Jahrhunderts findet (Pelagius: ...Bemühe dich, dass du in der Spiritualität (spiritualitas) voranschreitest)

Bibel: in der griechischen Fassung des NT „pneumatikós“ (griech. geistig), das die christliche Existenz bezeichnet und das durch das Wort „spiritualis“ übersetzt wurde.
Übersetzt man das Wort jedoch zurück ins Griechische, so gelangt man in diesem Sinne zu der Wortgruppe „eusébia“ (Wohlehre, Frömmigkeit).
Das Wort beruht somit vielmehr auf der Auslegungs- und Wirkungsgeschichte der biblischen Zeugnisse als auf der direkten Zurückführung auf die Bibel (Hans-Martin Barth).

Philosophie: Das Weltwirkliche sei seinem Wesen nach Geist.
Religion: unmittelbare Ergriffenheit des einzelnen durch Gott
Modern: eine geistige Haltung, das Bewusstsein von der Göttlichkeit aller Lebewesen

Brockhaus oder andere Lexika: meistens Gleichsetzung mit Frömmigkeit und Religion
Frömmigkeit drückt die subjektive Sicht des Individuums auf die Religion aus und öffnet den Menschen dadurch für die „gnädige Zuwendung Gottes“ (Erwin Fahlbusch)
Religiosität ist das „Bedürfnis und die Fähigkeit des Menschen“, sich in unbestimmter Weise „zu einer höheren Instanz in Beziehung zu setzen“ (Christian Schütz)

Karl Rahner: „Leben aus dem Geist ... Die bewusste und in etwa methodische Entwicklung des Glaubens, der Hoffnung und der Liebe“

G. Greshake: „...die gelebte Grundhaltung der Hingabe des Menschen an Gott und seine Sache...“ und „...eine so vielgestaltige Größe wie das Leben selbst und wie die Vielgestaltigkeit möglicher Beziehungen zu Gott“

EKD: „...das wahrnehmbare geistesgewirkte Verhalten des Christen vor Gott“

Charakteristika der ev. Spiritualität
Nach Martin Luther: „4 Soli“

  1. Sola scriptura (Bibelfrömmigkeit – Bibel ist das Wort des lebendigen Gottes)
  2. Sola fide (Konzentration auf die Aneignung des Glaubens) – ein Christ wird nicht von seiner Frömmigkeit, sondern von seinem Glauben und seiner Liebe definiert
  3. Sola christe (Konzentration auf Jesus Christus)
  4. Sola gratia (Konzentration auf die Rechtfertigung) – Rechtfertigung geschieht allein aus Gnaden und Christi Willen – „...Denn Dein Reich komme...“

Gesellschaftliches Engagement

Engagierte Ökumeniker fordern, dass man über eine Spiritualität hinauskommen sollte, die sich in subjektiver Innerlichkeit oder kirchlicher Ghetto-Frömmigkeit erschöpft.
Askese und Einsatz für den Nächsten stehen für Hans-Martin Barth komplementär zueinander und gehören zur Spiritualität des Christentums. Nur die Akzentuierung kann von dem jeweiligen politischen Kontext abhängen.
Kontemplation ohne Kampf kann leicht zu unfruchtbarer Pflege individueller psychischer Bedürfnisse verkommen, während Kampf ohne Kontemplation Gefahr läuft, in puren Aktionismus auszuarten, in dem ebenfalls nur psychisch (oder sozial) bedingte Mechanismen ausagiert werden (Barth).

Spiritualität, wie sie sich äußert

“Spiritualität ist nicht mit Esoterik im landläufigen Sinn zu verwechseln und besteht nicht aus bestimmten Handlungen, wie etwa Meditieren oder Kartenlegen. Spiritualität ist eine geistige Haltung, ist das Bewusstsein der Göttlichkeit aller Lebewesen; sie schöpft aus dem Respekt gegenüber dem Platz, der jedem Lebewesen innerhalb des Ganzen zusteht; sie sucht daher eine friedliche Koexistenz aller Wesen, welche dem Einzelnen - ob schwarz oder weiß, ob Mensch, Tier, oder Pflanze - ermöglicht, in Würde und Selbstachtung sein persönliches Potential im Dienst des Ganzen auszudrücken und auszuleben. Schon gar nicht ist Spiritualität alltagsfern oder gar weltfremd. Im Gegenteil: Echte Spiritualität äußert sich in einer konkret gelebten, verwirklichten geistigen Haltung der Gleichberechtigung und Gleichwertigkeit aller, bedeutet somit ein ganz klares, starkes, engagiertes politisches Bewusstsein.”
[Dieses Zitat stammt von Mar-Isis Ghida Ferreira, Herausgeberin des Phoenix Magazins (Ausgabe 03/ Septmeber 2001), s. auch www.phoenix-edition.ch]

Franziskus von Assisi (1181/82 – 1226)

Ein Vorbild auch für das 21. Jahrhundert

Sonnengesang – Cantico di Frate Sole

Höchster, allmächtiger, guter Herr. Dein sind das Lob, der Ruhm, die Ehr Und aller Segen.
Dir gehören sie, Höchster, allein. Kein Mensch ist wert, Dich zu nennen.

Gelobt seist Du, mein Herr, samt all Deinen Kindern und der Schwester Sonne besonders, denn am Tag zünd‘st Du für uns sie an. Schön ist sie und strahlt in großem Glanze. Von Dir, o Herr, bringt sie Kunde.

Gelobt seist Du, mein Herr, für Bruder Mond und Sterne ! Am Himmel hast Du sie geformt, klar köstlich und hell.

Gelobt seist Du, mein Herr, für Bruder Wind und Luft und Wolken, freundliches und jedes Wetter ! Mit ihnen hegst Du Deine Kinder.

Gelobt seist Du, mein Herr, um Wassers Willen ! Das ist so nützlich, schmiegsam, köstlich und keusch.

Gelobt seist Du, mein Herr, für Bruder Feuer ! Die Nacht erhellst Du uns mit ihm und schön ist er und munter und gewaltig und stark.

Gelobt seist Du, mein Herr, für unsere Mutter Erde ! Die hegt und trägt uns und allerlei Frucht und farbige Blumen treibt sie und Gras.

Gelobt seist Du, mein Herr, für alle, die verzeihen und Krankheit dulden und Mühsal Dir zu lieb ! Selig, wer es duldet in Frieden, denn von Dir, Höchster, wird er gekrönt.

Gelobt seist Du, mein Herr, für unseren Bruder, den fleischlichen Tod ! Und kein lebendiger Mensch entgeht ihm. Weh denen, die in Todessünden sterben ! Doch selig, wen Du hältst in Deinem heiligen Willen ! Ihm tut der zweite Tod kein Leides.

„Innerlichkeit“

Alles, was wir wahrnehmen können als ein äußeres Objekt, verfügt auch über Innerlichkeit oder ein inhärentes Bewusstsein, ist in diesem Sinn also spirituell.
Die wahrnehmbare Welt als Ausdruck des Göttlichen Bewusstseins. Der eine Gott (das eine Bewusstsein, die Leere) wird zum gesamten Universum.

Mitgefühl

Innerlichkeit unserer Umgebung erschließt sich durch Mitgefühl.
Voraussetzung ist Wahrnehmungsfähigkeit der Innerlichkeit unserer Umgebung.

Techniken

Ist uns die Wahrnehmungsfähigkeit von der Innerlichkeit unserer Umgebung verloren gegangen, können wir uns den Zugang zum kollektiven Bewusstsein und dem kollektiven Unbewussten z.B. durch spezielle Techniken erschließen, die die Illusion unserer Getrenntheit wieder aufheben.

Die spirituelle Praxis

Die spirituelle Praxis (in den allermeisten Traditionen setzt sich diese aus verschiedenen Formen der Meditation, still bis dynamisch, allmählicher Abbau egoistischer Bedürfnisse und „Übung im Alltag“ zusammen) kann uns zu einem Tiefenbewusstsein bzw. Einheitsbewusstsein (Identität mit allem) führen, in dem jede Spaltung aufhört und wir ganz selbstverständlich die innere Verbundenheit mit allen Menschen und dem Kosmos direkt vollziehen - „transpersonales Selbst“ – tiefste und innerste Instanz – Gott in uns – Funken des gesamten Kosmos. C.G. Jung.

Voraussetzungen

Der Mensch muss offen sein und beweglich. Er muss bereit sein, auf die kommenden Erlebnisse zu reagieren, in dem er die notwendigen Schritte auch wirklich in seinem Leben umsetzt, das Erfahrene in Realität umsetzt.

Zusammenfassend

Spiritualität ist ein lebenslanger Weg der Bewusstseinserweiterung bzw. –vertiefung, um dem Geheimnis des Lebens (wo kommen wir her, wo gehen wir hin?), dem gewissen Etwas unserer Existenz oder Gott auf die Spur zu kommen. Sein Schicksal zu verstehen (wozu bin ich, wie ich bin?) und zu lernen, ein Leben in Zufriedenheit, Gelassenheit und Liebe zu führen sind weitere Triebfedern der spirituellen Suche.

„Der, den du suchst, ist der, der sucht“