Orthodoxie/Ostkirchen

[Die griechische Prägung] [Trennung der Kirchen] [Die "Kirche des Ostens", Territorialprinzip und Hierarchie]
[Versuche zur Aufhebung des Schismas] [Zentren und wichtige Theologen]
[Literatur und www-Links]


Translate this page

Der griechische Begriff der Orthodoxie, der Rechtgläubigkeit, wird von allen Ostkirchen in Anspruch genommen, meist in der originalen Fassung oder sonst übersetzt (russisch: Pravoslavie). Grundsätzlich sind alle diese Kirchen von der griechischen Welt geprägt, selbst wenn sie nicht zum Römischen bzw. Byzantinischen Reich gehörten, wie Russland, Äthiopien oder die Ostsyrer ("Nestorianer") des persischen Raumes. Das griechische Denken und damit die griechisch dogmatischen Begriffe zwangen überall zur Auseinandersetzung. Das Griechische ist nicht nur Sprache des Neuen Testaments, sondern auch alte Liturgiesprache und zwischenkirchliche Verkehrssprache im Orient bis in die islamische Zeit.

Selbst nach dem Übergang zu den meist erst von den Christen literarisch entwickelten Nationalsprachen (Slavisch, Georgisch, Armenisch, Syrisch, Koptisch, Altnubisch, Äthiopisch und Arabisch) bleibt der griechische Hintergrund in der Liturgie erhalten, weit mehr als bei der lateinischen Sprache des Westens.
Sämtliche Ostkirchen begnügen sich trotz zuweilen erstaunlicher Offenheit für moderne Fragestellungen mit den dogmatischen Festlegungen der alten Synoden. Diese sind die Fixpunkte auch für die gegenwärtige Auseinandersetzung. Daneben treten in erster Linie die Werke der altchristlichen Theologen und die Aussagen der Liturgie. Der moderne Orthodoxe muss sich mit diesen anerkannten Normen in Übereinstimmung bringen. Alle Kirchen erkennen die Trinitätslehre an, wie sie die beiden ersten großen Synoden von Nicäa (325) und Konstantinopel (381) festlegten.

Trennung der Kirchen nach der Synode von Chalkedon im Jahr 451

Die große Trennung erfolgte bei der Entscheidung über die gottmenschliche Person des Erlösers in Chalkedon (451). Die griechisch-slavisch-rumänische Orthodoxie blieb hier allein, während die Orientalen die Entscheidung ablehnten. Diese Trennung ist aber kein abrupter, sondern ein allmählicher, für beide Seiten oft äußerst schmerzlicher Prozess, der erst unter dem Islam seine Vollendung erfährt. Die Armenier, Westsyrer (ab 1665, als Mari(j) Gregorius in Malabar landete, kommt dazu ein Teil der indischen Thomaschristen), die Kopten und Äthiopier gehören dieser Richtung an. Seitdem es unter dem Protektorat des äthiopischen Kaisers Haile Sellassi I. (gest. 1975) zu einer engeren Zusammenarbeit dieser Kirchen kam, bezeichnet man sie vielfach als "nonchalkedonensisch". Ursprünglich gehörte dazu auch die georgische Kirche, die sich Ende des 6. Jahrhunderts unter ihrem Katholikos Kwirion (Kyrion) I. Byzanz anschloss und heute in enger Gemeinschaft mit der russischen Kirche steht. Die ebenfalls dazugehörige nubische Kirche wurde hingegen vollständig islamisiert (letztes christliches Dorf bis 1742 in der Dongolagegend). Die nubische Volkssitte tradiert aber noch christliche Bräuche, teilweise sogar eine Art Taufritus.

Die "Kirche des Ostens", Territorialprinzip und Hierarchie

Ganz für sich steht die "Kirche des Ostens", auch Ostsyrer, Perserkirche oder Nestorianer genannt. Diese Kirche ist außerhalb des Römischen Reiches in dem Sassanidenreich entstanden. Man kann daher nicht von einer Trennung von der übrigen Christenheit sprechen, sondern nur von einer Neuformierung der Christen des Perserreiches zu einer eigenen Kirche im Jahre 410. Erst 484 unter Barsauma nahm man auf der Synode zu Bet Lapat das nestorianische Bekenntnis an und verselbständigte sich dogmatisch.
Diese Entwicklung hat auch das Territorialprinzip der Orthodoxie durchlöchert. Dieses besagt, dass für jedes Gebiet ein Metropolit zuständig ist, dem die Bischöfe dieser Provinz unterstehen. Eine weitere Hierarchie darf es nicht geben. Dieser Anspruch wird immer noch erhoben, obwohl faktisch überall das abendländische Konfessionsprinzip herrscht, das Kirchen verschiedener Konfession auf dem gleichen Territorium kennt.


Russisch-Orthodoxe Christi-Auferstehungskathedrale Hohenzollerndamm 166, 10713 Berlin; Tel 873 16 14

Grundsätzlich geht man von den altkirchlichen Patriarchen aus, deren Inhaber in ihrer Titulatur den alten Anspruch tradieren. Völkische und politische Gegebenheiten haben aber zu Abspaltungen einzelner Gebiete geführt, an deren Spitze nun ein weiteres Oberhaupt steht, ebenfalls Patriarch oder Katholikos genannt. Dem Inhaber des alten Patriarchenthrones gewährt man dann meist eine Art Ehrenstellung ohne rechtliche Konsequenzen für den neuen Kirchenkörper. Auszugehen ist so von den Patriarchaten Jerusalem (für Palästina), Konstantinopel (Neurom) für Osteuropa und das westliche Kleinasien, Antiochien (für das übrige Asien), Alexandrien für Afrika.

Dazu tritt der Patriarch des Ostens, auch Katholikos genannt, dem die Perserkirche untersteht. Er darf infolge seiner eigentümlichen Entstehung nicht als Abspaltung von Antiochien verstanden werden. Georgien und Armenien erhalten je einen Katholikos, in Afrika wird die unbestrittene Stellung Alexandriens erst 1959 durch einen Patriarchen von Äthiopien geschmälert. Im östlichen Europa treten zu Konstantinopel die Patriarchen von Moskau (dem "Dritten Rom" 1589: 5. Platz in der Rangliste der Patriarchen), Bulgarien (spätestens 927/930), Serbien (1346), Rumänien (1926).

Versuche zur Aufhebung des Schismas

Von westlicher Seite wollte das Unionskonzil von Florenz (1438-1445) das Schisma von 1045 mit Byzanz überwinden und die als häretisch betrachteten orientalischen Kirchen in die Gemeinschaft mit Rom führen; Bestrebungen, die schon auf die Kreuzfahrer- und die Mongolenzeit (13. Jahrhundert) zurückgehen. Diesen unablässigen Bemühungen waren aber nur Teilerfolge und zahlreiche Rückschläge beschert. So kam es in der Moderne vornehmlich durch die Ordensmissionen zur Schaffung eigener Hierarchien und sogenannter unierter Patriarchate, denen die Teile der Orthodoxie unterstehen, die unter Beibehaltung ihrer Riten sich dogmatisch mit Rom vereinigt haben. Derartige unierte Kirchen gibt es im ganzen Osten bis hin zu den Thomaschristen in Indien.

Sie gehören rechtlich nicht zum Patriarchat Rom, stehen aber in Gemeinschaft mit ihm. Darüber hinaus haben vom 18. Jahrhundert ab nordamerikanische Protestanten, Anglikaner und deutsche Herrnhuter (später auch andere) im orthodoxen Raum Mission getrieben und evangelische Kirchen entstehen lassen; im Orient die größte bei den Kopten.

Zentren und wichtige Theologen

Zentren für Syrien sind Antiochien und Edessa (Urfa), heute Damaskus; wichtige Theologen: Ephraem Syrus (gest. 373) und nach der Spaltung Severos v. Antiochien (gest. 538), der Historiker Michael I. (gest. 1199), Barhebraeus (1226-1286).
Ostsyrien: Zentren sind Nisibis als erste christliche Universität, Seleukeia-Ktesiphon, heute Teheran und Bagdad. Diese Kirche hatte im Mittelalter die größte Ausdehnung bis Ost- und Zentralasien. Theologe: Aphraates (4. Jahrhundert), Gesetzgeber: Timotheos I. (um 800).
Armenien zerfällt auch sprachlich schon früh in einen West- und einen Ostteil. Zentren: Etschmiadzin und Konstantinopel (bis zur Armenierverfolgung), weiter die Mechitharisten in Venedig und Wien. Gregor Illuminator (gest. um 325) ist Organisator, Mesrop-Maschtotz (gest. 441) Schriftschöpfer, Moses v. Choren (um 400) Historiker.
Georgien spielte früher im Orient, besonders in Palästina, eine große Rolle. Königin Tamar (1184-1212) bringt das goldene Zeitalter für Wissenschaft, Kunst und Literatur.
Ägypten (Alexandrien und Kairo Zentren) wurde trotz ähnlicher Entwicklungen in Syrien Vaterland des Mönchtums: Antonios (gest. 356), Palyom (gest. 346, Klostergründer), Schenute von Atripe (gest. wohl 466; koptischer Schriftsteller). Athanasios I. (gest. 373), Kyrill I. (gest. 444) sind bedeutende Patriarchen. Die 'Assaliden im 13. Jahrhundert bilden den Höhepunkt der christlich-arabischen Literatur. Die äthiopische Kirche beginnt im Äksum des 4. Jahrhunderts. Yared (6. Jahrhundert) gilt als Schöpfer der äthiopischen Kirchenmusik. Täklä Haymanot (gest. 1313) und sein Zeitgenosse Ewostatewos sind die großen Mönchsväter, Kaiser Zär'ä Ya'qob kirchlicher Reformator und Schriftsteller.
Für die Griechen ist Ephesos, dann Konstantinopel Hauptzentrum. Berühmtester Patriarch der alten Zeit ist der große Prediger Johannes Chrysostomos (gest. 407).
Schwerste Erschütterung brachte das Zeitalter des Ikonoklasmus, der Bildzerstörer in Kleinasien und der Bildverehrer in Europa (8./9. Jahrhundert). Photios (gest. 886) ist als Patriarch, Meister der profanen Wissenschaften, der Exegese und der Dogmatik (Kontroverse um den Ausgang des Heiligen Geistes) gleich bedeutend. Das Studios-Kloster in Konstantinopel war lange Zentrum der Gelehrsamkeit. Gregor Palamas (gest. 1358) war Haupt der Hesychasten und Vollender der Erfahrungstheologie.
Die russische Kirche geht auf die Bekehrung des Großfürsten Vladimir von Kiev (988/989) zurück. Südslaven und Griechen hatten anfangs große Bedeutung. Iosif von Volokolamsk (Volochij, gest. 1515) war bedeutender Mönch, Ketzerbestreiter und Theoretiker des theokratischen Absolutismus des Moskauer Reiches, der Starez Serafim von Ssarov (gest. 1833) ist beliebtester Mönchsheiliger.
Für Bulgarien entscheidend war die Aufnahme der Methodiusschüler nach 885 und die Erhebung des Makedonischen zur Schriftsprache (Altkirchenslavisch/Altbulgarisch) und Hauptinstrument der Missionsarbeit.
Die wechselhafte serbische Geschichte zeigt die Kirche häufig unter westlichem (römischen) Einfluss, ohne dass es je zu einer Union gekommen wäre. Seit Anfang des 18. Jahrhunderts tritt hingegen der Einfluss Russlands in den Vordergrund.
Rumänien gehörte lange zu Bulgarien und hatte slavische Kirchensprache, erlebte dann auch lateinischen und griechischen Einfluss. Zur Autokephalie kam es erst im 19. Jahrhundert (1865-1885.

zum Seitenanfang

C.D.G. Müller in: Lexikon der Religionen - Phänomene, Geschichte, Ideen. Herder, Freiburg/Breisgau 1987, Hans Waldenfels (Hg.), S. 462 f.

www-Links