Zum Thema Hinduismus in Indien

Gedanken zu Gesellschaft, Religion, Philosophie während meiner Indien-Reise - 1994
Autor: Rainer Kurka
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Das Leben - eine Illusion - Maya?

Die Inder, die Inder ... eine ganze Liste negativer Charaktereigenschaften kann ich bei meiner Reise durch Indien auf die Inder übertragen.

Man mag mir dieses Pauschalurteil verzeihen. Doch wie es mit Pauschalisierungen in der Regel ist, liegen ihnen Erfahrungen, Erlebnisse, zugrunde, die aufgrund ihrer besonders starken Wirkung auf die Person dahingehend von ihr bewertet werden, dass sie in ihrer Gesamtheit auf ein Gesamtes übertragen werden, obwohl es klar ist, dass jeder pauschalen Bewertung durchaus etliche Ausnahmen innewohnen. Natürlich ist so eine Pauschalisierung immer sehr subjektiv. Dennoch wird sie auch mit anderen Menschen kommuniziert und findet nicht selten Zustimmung.

Es macht einfach keinen Spaß! Selbst in den Tempelanlagen, wie z.B. in der imposanten Anlage von Srivangam (bei Trichy) stinkt es nach Kloake. Die Abfälle vom in der Tempelhalle eingenommenen Picknick liegen verstreut herum, Geschäfte werden insbesondere Touristen aufgedrängt, und dazu vermittelt der durch die vielen Menschen verursachte Lärm eher eine Jahrmarkt-, als eine heilige, religiöse Atmosphäre. Ich bin sehr enttäuscht. Religiosität wird, so glaube ich, nur noch aus Traditionsgründen an den dafür vorgesehenen Orten praktiziert. Mit echter Religiosität hat das aus meiner Sicht nicht viel zu tun. Unter Religiosität stelle ich mir etwas Reines, Stilles, sehr Friedvolles vor, wobei der Mensch eine Verbindung mit dem Göttlichen eingehen kann. Diese friedliche, stille, gottverbundene Schwingung kann ich aber kaum irgendwo wahrnehmen. Indien erscheint mir wie eine einzige, gnadenlose Vergewaltigung meiner Sinne. Insgesamt fühle ich mich gehetzt und gereizt. Als gäbe es die empfindsamen, unterscheidenden Sinne nicht, die sich an Wohlgerüchen, Lieblichkeiten, Schönem erfreuen wollen, erfahre ich hier nur grobe, homogene Hässlichkeit. Da gibt es kaum Feines für die Zunge - fast alles schmeckt gleich fad verwürzt mit unterschiedlichen Currymischungen. Kaum Erfreuliches für's Auge - fast alles ist schmutzig grau. Kaum Liebliches für die Ohren - fast alles ist unsensibel laut, so laut, dass die Lautsprechermembranen kurz vor dem Zerreißen sind.

Ich erfahre kaum ehrliche Herzlichkeit oder liebe Gesten. Da ist kaum ein Ort zum ungestörten Verweilen. Das wenige Zarte wird von der lauten, schmutzigen Grobheit der Inder zunichte gemacht. Selbst das Lachen ist falsch. Und es gibt kaum etwas Erbauliches für die Nase - in den Ortschaften, auf den Straßen der Städte, stinkt es. Die allgegenwärtigen Räucherstäbchen schwächen den Gestank vielleicht noch ab - doch insgesamt stinkt es nach Fäkalien, Urin, Müll, indischen Essensgewürzen, Abgasen, verbrannten Plastikflaschen und Schweiß. Dazu ist es heiß und schwül. Die Luft lässt selbst das Atmen nur noch als eine zwingende, für's Leben notwendige, aber unangenehme Pflicht erscheinen. So beten die Inder für ein besseres Leben nach dem Tod oder für die Erlösung aus dem Samsara, dem Kreislauf von Geburt und Tod, das von Hindus und ähnlichen religiösen Richtungen als höchstes Ziel angestrebt wird.
Leben bedeutet in erster Linie sowieso nur Leiden, und so lohnt es sich nicht, sich das Leben als etwas wunderbar Schönes auszumalen und entsprechend zu gestalten. Leben bedeutet, den Körper irgendwie zu erhalten, doch ist es lästig und für die 90 Prozent der indischen Bevölkerung mit unvorstellbaren Mühen verbunden. Und so wird dem diesseitigen körperlichen Leben kein besonders hoher Stellenwert eingeräumt. Anders sieht es mit dem jenseitigen Leben aus. Um nach dem Tod eine bessere Existenz beschert zu bekommen, wird den täglichen religiösen Gotteshuldigungen viel Zeit eingeräumt.

Rund 300 Millionen Menschen in Indien leben von weniger als 1 US-$, 600 Millionen von weniger als 2 US-$ am Tag. Die Armut, die einem auf Schritt und Tritt begegnet, ist überwältigend und erschreckend. Man fragt sich als Europäer unweigerlich, wie menschenverachtend eine Gesellschaft sein muss, die in Anbetracht des Reichtums einiger Hunderttausend solche Zustände zulässt. Doch die Antwort ergibt sich aus dem im Hinduismus festzementierten Kastensystem. Die Kastenzugehörigkeit wird durch Geburt bestimmt.
In welche Kaste - Info - man hineingeboren wird, ergibt sich aus dem Handeln in diesem wie in früheren Leben (Karma). Jedes Handeln, sei es auch nur gedanklich - hat Auswirkungen. Insofern ist jeder für seine aktuelle Lebenssituation selbst verantwortlich. Das heißt demzufolge, dass jemand, der in keine der vier Hauptkastenen oder in eine niedere Kaste hineingeboren wurde und ein Leben in Armut und Elend führen muss, selbst dafür verantwortlich ist, da in diversen Vorleben bedingt durch negatives Handeln, schlechtes Karma angesammelt wurde. Das gleiche gilt natürlich auch im entgegengesetzten Fall wenn jemand in eine höhere Kaste hineingeboren wurde und ein Leben in Wohlstand führen kann. Um kein negatives Karma anzusammeln, beugen sich die meisten Hindus dem religiösen bzw. sozialen Gesetz Dharma. Sie nehmen ihr durch Karma bedingtes Schicksal klaglos an und fügen sich den - ihrem gesellschaftlichen Status entsprechend - vom Dharma auferlegten sozialen Verhaltensregeln und Pflichten, in der Hoffnung, im nächsten Leben einer höheren Kaste anzugehören und ein besseres, i.e. leichteres Leben zu haben. Das höchste spirituelle Ziel eines Hindu ist aber die Befreiung (moksha) von jeglichem Karma - ob positives oder negatives - so dass der Kreislauf von Geburt, Tod und neuer Geburt (Samsara) enden kann.

Das Leben ist hässlich, das ist der Grundtenor

Nach meinem doch sehr beeindruckenden Erlebnis in Tirumala folgte unvermittelt die Rückkehr ins hässliche, indische Alltagsleben, was sofort wieder an der Echtheit religiöser Hingabe zweifeln ließ. Vielleicht ist es ja diese Jenseitsorientiertheit, die mir als Europäer mit meinem diesseitigen Lebensanspruch das Leben hier in Indien so aussichtslos schrecklich erscheinen lässt. Dem Leben in Indien, wie ich es hier vorfinde, kann ich trotz all meiner bisherigen religionsphilosophischen Studien und meiner mehrjährigen Meditationspraxis nur schwer etwas Schönes und Anstrebenswertes abgewinnen. Ich will dennoch versuchen, ein wenig tiefer in die indische Welt einzusteigen, um sie ein wenig mehr zu verstehen.
Im Zustand der Meditation erfahre ich mein egoloses Selbst als absolut und wahr. In der Stille dieser tranceartigen, raum- und zeitlosen Meditationsempfindung befindet sich mein Selbst zwar in einer Art Zustand der Glückseligkeit, wo es keine Identifikation mit Ego und keine Anbindung an körperliche Sinne gibt. Doch wie dieses Seinsempfinden im Zustand der Meditation real ist, so empfinde ich außerhalb des meditativen Zustands die weltlichen Erscheinungen ebenso als real, auch wenn ich gewissermaßen weiß, dass Ego, Sinnanhaftung und die weltlichen Dinge relativ, d.h. nur vorübergehend real sind, da ständige Veränderung stattfindet. Doch sehe ich da kein Problem. Ich empfinde das Leben als ein wunderbares Geschenk. Das Glück des körperlichen, diesseitigen Lebens sehe ich gerade in dieser Wechselhaftigkeit und Vielfältigkeit der Erscheinungen. Das immer wieder betonte Leid, welches das körperliche Leben angeblich dominiert, hat doch wohl eher seine Wurzeln in der Einstellung zum Leben und im Verhalten der Menschen untereinander und hat weniger mit dem körperlichen Leben als solches zu tun. Ich denke auch, dass es für jeden möglich und sinnvoll ist, seine Welt, sein Leben, immer wieder neu zu gestalten. Als Gestalter meines Lebens übernehme ich auch für mich, aber auch für andere, die Verantwortung für mein und auch das der anderen Leben. Eine positive Einstellung dem körperlichen Leben gegenüber führt auch zu einer positiven Wertschätzung desselben und wird nicht als lästiges, banales Etwas abgetan, das nach Belieben immer wieder destruktiv manipuliert wird. Mit diesem Bewusstsein ist meiner Meinung nach auch ein von Gott und Göttern unabhängiges, verantwortliches und befriedigendes Leben zu gestalten und zu führen. Verantwortung wird weniger an vermeintliche Autoritäten und schon gar nicht an einen über alles stehenden Gott oder Götter etc. abgegeben. Mit mehr Eigenverantwortung und weniger Unterwürfigkeit unter vermeintliche Autoritäten, könnten sich die Menschen vorbehaltloser auf gleicher Augenhöhe begegnen und mehr Respekt und Achtung voreinander und der ihnen umgebenden Natur haben. Sie müssen nicht länger "nach Oben buckeln und nach Unten treten", was es zwar auch in westlichen Ländern im Übermaß gibt, jedoch nicht in so extrem überzogener Weise wie hier in Indien.

Allerdings empfinde ich den Trend der totale Veräußerung von persönlicher Freiheit zugunsten einer technologischen Autorität, die unreflektierte und unkritische Veröffentlichung von Intimität und Privatem im WorldWideWeb als sehr besorgniserregend. Eine solche Technologie"hörigkeit" inklusive der damit verbundenen Konsequenzen war noch in der Prä-Internetzeit völlig undenkbar. Heute im Jahr 2009 gibt es gegen noch tiefere Eingriffe in die persönliche Freiheit, in den privaten Raum, kaum Gegenwehr.

In der Erkenntnis der Herrlichkeit relativen Daseins kann dann das Leben auch geliebt werden. Das Absolute und Relative sind EINS - beides zusammen ist für mich Leben, ist Sein, ist Glück. Ganz klar ist natürlich auch, dass ich das was ich liebe auch pflege, hüte, beschütze und verteidige - dazu gehören neben meinem rein körperlichen Leben selbstverständlich auch meine mir nahestehendsten Mitmenschen sowie meine engere Umgebung, jener Raum, in dem ich mich vorwiegend bewege, wo mein Leben stattfindet, i.e. Wohnraum, Haus, Stadt, Land, in der letzten Konsequenz der ganze Planet Erde.
In Indien ist eine derartig idealistische, dem Leben zugewandte positive Lebenshaltung nur selten zu erblicken. Ich erkenne in diesem Sinne nur wenig Gemeinschaftsverantwortung, dagegen aber viel rücksichtslosen Egoismus, Hass, Intoleranz und anwidernde Gier. Das Leben ist hässlich - das ist der von mir empfundene Grundtenor.

Nachtrag, Juni 2014

Gnadenlose Brutalität

Der obige Bericht liegt genau 20 Jahre zurück, 1994. Zuletzt war ich 1998/99 in Indien. Mein damaliger Eindruck bestätigte mir nur mein Bild. Und nun, 2014? Ehrlich, ich bin entsetzt! Ich bin entsetzt über die unglaublich Brutalität, den wahnsinnigen Hass gegenüber Frauen, die nicht zu ertragende Gier nach mehr, mehr, mehr..., die hässliche Arroganz des wohlhabenden Teils der Bevölkerung gegenüber allen, die um ihre Existenz kämpfen müssen und die traurige devote Haltung der Menschen gegenüber Staat und Obrigkeit. Vergewaltigt. Seit einigen Jahren gehen immer wieder Nachrichten über schreckliche Vergewaltigungen an Mädchen und Frauen durch die Medienlandschaft. Die Täter kennen keine Gnade. Sie vergewaltigen ihre Opfer - oft fallen sie in Gruppen über ihre Opfer her - und töten sie anschließend. Sie hängen sie auf oder erschießen sie, egal, auch wenn es sich bei dem Opfer um eine Mutter von 4 Kindern handelt. Ein Minister sagte sogar, dass Vergewaltigung manchmal richtig, manchmal falsch sei - was von Mann und Frau abhinge. Wenn auch die Strafen für Vergewaltigungen verschärft wurden, so werden Sexualverbrechen meist nicht ernsthaft strafrechtlich verfolgt. Warum? Es könne nichts getan werden, solange es keine Anzeige gibt, so die lapidare Antwort.
Anfang Juni hat Indien seinen neuen Regierungschef gewählt. Ein hinduistischer Nationalist machte das Rennen: Narenda Modi. Er gilt als der "Obama" Indiens - "Yes, we can". Wem der Herr Obama als Vorbild dient, weiß nichts über die schrecklichen Dinge, die seit Obamas Präsidentschaft über die USA und die Welt hereingebrochen sind - schrecklich allerdings nur für den ärmeren Teil der Weltbevölkerung - die Reichen wurden mehr und reicher, doch die Schere zwischen arm und reich ist weiter auseinandergegangen. Viele Millionen Inder stehen am Straßenrand, apathisch, und verhungern. Man kann fast dabei zusehen. Und der Minister, der Vergewaltigungen verharmlost hat, jener Babulal Gaur, gehört der Partei von Modi an (Bharatiya-Janata-Partei, BJP).

Siehe auch:  Neue Weltordnung

Eingebunden im System von Dharma und Karma

Das Leben eines jeden Menschen wird bestimmt durch Karma (Handlung, Tat), was heißt, dass diverse Handlungen (physische und geistige) im jetzigen sowie in vergangenen Leben Karma erzeugt haben. Die vergangene Taten bestimmen fortdauernd das Leben eines jeden - selbst über den Tod hinaus. Aufgrund vorangegangener Taten ist jeder verantwortlich für sein Karma und damit für sein vorgefundenes Lebens bzw. seine Lebenssituation, seine Kaste.

Damit verbunden ist auch das religiöse bzw. soziale "Gesetz" Dharma: Wer seine aktuelle Lebenssituation als Folge vorangegangener Taten als sein Karma akzeptiert, folgt damit auch seinem ganz individuellen Dharma (soziale Pflichten, Verhaltenskodex), das kosmisches als auch soziales Gesetz ist. Das individuelle Dharma bezeichnet die jeweilige Funktion bzw. Aufgabe im Leben und bestimmt, welche Handlungen positiv oder negativ sind. Handelt der Mensch entsprechend seinem Dharma, sind seine Handlungen positiv und er sammelt gutes Karma an, was zur Folge haben kann, dass er in höheren Existenzebenen wiedergeboren wird, bzw. in einen der "sieben Himmel" kommt. Handelt der Mensch jedoch gegen sein Dharma, sind die Handlungen negativ und er sammelt negatives Karma an, was zur Folge haben kann, dass er in niedrigere Ebenen wiedergeboren wird, bzw. in eine der "sieben Höllen" kommt. Mit der Dharma- und Karma-Auslegung in Verbindung mit der Reinkarnationslehre, ist auch das Kastensystem gesichert. Da jeder in seiner Kaste darauf bedacht ist gutes Karma anzusammeln, wird eben auch die jeweilige Lebenssituation, sei sie auch noch so demütigend und quälend, akzeptiert. Ein Aufbegehren gegen den individuellen Dharma führt ja zwangsläufig zu schlechtem Karma, was kein Hindu will. Und auch das erklärt das für mich Europäer so unangenehme Lebensgefühl in Indien.
Indem die Götter angerufen werden und ihnen ehrfürchtiger Zoll geleistet wird, kann - so aus diversen Schriften, wie z.B. Bhagavad-Gita - negatives Karma abgetragen werden. Indem der Name des höchsten Gottes in der Todesstunde gechantet wird, kann - auch wenn der Mensch bis zu seinem Lebensende die schrecklichsten Taten vollbracht hat - sein Karma vollständig beseitigt werden. Mit dieser Befreiung von Karma ist eine Befreiung (Moksha) vom Samsara (Kreislauf von Geburt, Sterben und neuer Geburt) verbunden. Das Ende der Geschichte im "Mahabarata" verdeutlicht die Wirksamkeit von Karma: Die Pandavas unter der Führung von Yudhisthira unternahmen nach der Schlacht gegen die Kauravas eine Pilgerreise zu Indras Himmel Swarga. Auf dem Weg dorthin starben bis auf Yudhisthira alle Pandavas, auch Arjuna, der verkündete, alle Feinde an einem Tag vernichten zu können. Als Yudhisthira, der König der Pandavas, Indras Himmel betrat, wurde er bitter enttäuscht, als er statt der Verwandten den bösen Lebemann der Kauravas, Duryodhana, auf dem Thron sitzend und von den Kauravas umringt, antraf. Yudhisthira begab sich hinab in die Hölle. Dort fand er auch seine so liebevollen Verwandten. Als Yudhisthira verkündete, lieber in der Hölle bei seinen Verwandten zu bleiben, als bei seinen Feinden im Himmel, offenbarte sich die ganze Szenerie als Maya, i.e. Illusion, um ihn zu testen. Er wurde nun zum Ganges geführt, wo er die Unsterblichkeit erlangte. Daraufhin wurde er in Indras Himmel willkommen geheißen, wo er mit Krishna, seinen Verwandten und Draupadi, seiner Ehefrau, zusammengeführt wurde. Aber auch die gefallenen Krieger der Kauravas sowie die anderen Aufrechterhalter des Dharmas waren anwesend.
Wer seinem Karma entsprechend gelebt und somit das religiöse Gesetz, den Dharma, erfüllt hat, findet Zugang zu Indras Himmel. Denen aber, die das eigene Karma nicht achteten, war der Zugang zu Indras Himmel verwehrt. Diese Menschen würden aber im nächsten Leben eine neue Chance bekommen, angesammeltes negatives Karma abzutragen, um somit in Indras Himmel zu gelangen.
Die Hindus, die mit einem Anteil von 80% an der Gesamtbevölkerung die indische Gesellschaft dominieren, müssten aufgrund ihrer reichen Philosophie die weisesten und glücklichsten Menschen der Welt sein, doch kann ich nur wenig von beidem erkennen. Sie werden mir aber sagen, dass ich nichts, aber auch gar nichts von ihrer Welt verstanden hätte...
Um die nötige Kraft für die Karmabewältigung zu haben, werden unterstützend diverse Gottheiten angerufen. So stehen die Gottheiten für Gesundheit, Glück, Erfolg, Wohlstand, Fruchtbarkeit, Eheglück ... etc. Die Kraft der Götter wirkt aber auch nur wieder entsprechend dem individuellen Karma. Bete bzw. meditiere ich innig genug, so werden die Götter mein diesseitiges Leben zur höchsten Blüte bringen, meinem Karma gemäß, und ich kann am Ende meines diesseitigen Lebens davon ausgehen, dass ich in diesem Leben meinem Karma gemäß gehandelt habe. Habe ich so gehandelt, dann habe ich kein weiteres Karma angesammelt. Mit etwas Unterstützung durch die Götter ist es auch möglich, gänzlich karmabefreit zu werden oder in einer besseren Kaste, einer besseren Familie etc. wiedergeboren zu werden, um restliches Karma zu beseitigen, mich vollständig zu erkennen, um dann die Chance zu nutzen, vom Samsara befreit zu werden. So handle ich gemäß meinem Karma mit der Unterstützung durch die transzendentalen Mächte und entspreche so dem Dharma, der religiösen, kosmischen Gesetzmäßigkeit.

Befreiung nur als Hindu möglich

Nun wissen die Hindus aber auch, dass sich die Menschheit im Zeitalter (Yuga) des Kali (eisernes Zeitalter) befindet, das Zeitalter, in dem Dharma vollständig aufgelöst wird. Eine zunehmend materialistische Geisteshaltung, die von Hass, Gier und Verwirrung bestimmt ist, führt zur Entfernung von transzendentalen Wahrheiten. Altbewährte Tugenden und gesellschaftliche Werte werden bedeutungslos. Die Welt, die Menschen, verrohen. Kriege und weit verbreitetes Elend kennzeichnen dieses düstere Zeitalter des Niedergangs.
Die Göttin Kali (Inkarnation von Parvati - Shakti von Shiva) ist gewaltig und saugt alles Leben in sich auf. Sie wirft ihre zerstörerische Kraft auf die Welt, die sie weiter verrohen lässt. Als Teilnehmerin am großen Zerstörungsakt von Dharma kommt Kali besondere Geltung zu. Und so wird Kali angerufen, dass sie ihre Schrecklichkeit nicht all zu sehr auf die Welt kommen lässt. Vor Kali hat die mehrheitlich hinduistische Gesellschaft Indiens großen Respekt. Ob Dürre, Hunger oder allgemeines Elend - Kali wird angerufen, dass sie ihr Urteil über die Welt nicht allzu hart durchsetzen werde. Doch Kali scheint gnadenlos zu sein. Lebe ich in dieser Zeit des Kali, so ist es karmabedingt.
Das Kalizeitalter dauert der Kosmologie zufolge 432.000 Jahre und begann vor ca. 5.000 Jahren mit der Schlacht von Kurukshetra (Mahabarata Epos).
Kurz vor der Schlacht verkündete Krishna Arjuna die Weisheit der Bhagavad Gita. Eine andere Darstellung lässt das Kali-Yuga mit dem Erscheinen Buddhas, der neunten Inkarnation Vishnus, beginnen. Am Ende des Kali-Yuga erscheint Kalki (die zehnte Inkarnation Vishnus), der die Dämonen vernichtet, seine Geweihten rettet und ein neues Satya-Yuga (auch Krita-Yuga, Goldenes Zeitalter) einleitet. Hier erscheint der personifizierte Gott Dharma vierbeinig. Die Menschen sind zufrieden, gesund und tugendhaft. Sie verehren nur einen Gott, seine Farbe ist weiß. Dieses Zeitalter dauert 1.728.000 Jahre. Das Treta-Yuga, welches 1.296.000 Jahre dauert, ist weniger glücklich. Sattva (Tugend) löst sich zu 25% auf. Dharma ist dreibeinig. Der Gott, der verehrt wird, ist rot. Im Dvapara-Yuga ist Sattva nur noch zu 50% vorhanden. Dharma steht auf zwei Beinen. Während dieses Zeitalters, das 864.000 Jahre dauert, ist der Gott gelb. Das dann wieder folgende Kali-Zeitalter, das Yuga der Degeneration, schließt den Zyklus. Sattva ist nur noch zu 25% vorhanden, Dharma ist einbeinig und die verehrte Gottheit ist schwarz (Kali ist schwarz - sie übernimmt nach der Shakti-Lehre den zerstörerischen Aspekt Shivas). Die vier Yugas bilden ein Maha-Yuga. Eintausend solcher Zyklen stellen einen Tag im Leben Brahmas dar. Ebenso lang dauert seine Nacht. Ein solcher Tag entspricht etwa 4,3 Milliarden Erdenjahre. Seine Nacht währt ebenso lange. Einer seiner Monate besteht aus 30 solcher Tage und Nächte und ein Jahr aus 12 solcher Monate. Nach Ablauf von einhundert solchen Jahren (311 Billionen und 40 Milliarden Erdenjahre) stirbt Brahma, der Weltschöpfer, und die Vernichtung der Welten findet statt.

Die von Vishnu (bzw. Krishna) manifestierte Energie wird wieder in ihn zurückgezogen. Bei der Neuschöpfung wird die materielle Energie als mahat-tattva (die materielle Welt ist die Manifestation der niederen Energie der höchsten Persönlichkeit Gottes) freigesetzt, in die Krishna (Vishnu) als die erste Purusha-Inkarnation, Maha-Vishnu, eingeht. Er liegt im Ozean der Ursachen und atmet unzählige Universen aus, und als Garbhodakasayi-Vishnu geht er in jedes dieser Universen ein. Auf diese Weise wird jedes Universum geschaffen. Dann manifestiert Vishnu (Krishna) sich als Ksirodakasayi-Vishnu, und dieser Vishnu geht in alles ein, in jedes noch so kleine Teilchen. In der Bhagavad Gita, Kap. 9.8, heißt es wie folgt: "Die gesamte kosmische Ordnung untersteht mir. Durch meinen Willen wird sie immer wieder automatisch geschaffen, und durch meinen Willen wird sie am Ende vernichtet." Was nun die Lebewesen betrifft, so werden sie in die materielle Natur eingegeben und nehmen als Ergebnis ihrer vergangenen Taten (Karma) verschiedene Stellungen ein. So beginnen die Tätigkeiten der Lebewesen in der materiellen Welt. Die verschiedenen Lebensformen existieren vom ersten Augenblick der Schöpfung an. Alles wird zur gleichen Zeit geschaffen, denn alle Wünsche, die die Lebewesen bei der letzten Vernichtung hatten, werden erneut manifestiert. Die Bhagavad Gita, Kap. 7.30, macht deutlich, dass derjenige, der sein Bewusstsein völlig auf den Höchsten (Krishna) gerichtet hat, selbst zum Zeitpunkt des Todes, vom Kreislauf von Geburt und Tod (Samsara) befreit wird und zum Planeten des Höchsten Herrn (Krishna), Goloka Vrindavana, erhoben wird. Bhagavad Gita, Kap. 8.5, hebt insbesondere den Moment des Todes hervor. Hier heißt es: "Und jeder, der sich am Ende seines Lebens, wenn er seinen Körper verlässt, an Mich (Krishna) allein erinnert (smaran), erreicht sogleich meine Natur. Darüber besteht kein Zweifel."

Menschen, die hingebungsvollen Dienst (Bhakti-Yoga) oder transzendentale Rituale ausführen (s. auch Bhagavad Gita 3.11 - Notwendigkeit der Zusammenarbeit der Menschen mit den Halbgöttern), entwickeln transzendentales Wissen und erkennen, dass die höchste Persönlichkeit Gottes das endgültige Ziel aller spirituellen Erkenntnis ist. Opferungen, die den Halbgöttern (alle Götter außer Krishna, Vishnu, Narayana) dargebracht werden, um materielle Bedürfnisse zu befriedigen, gelten zwar als fromme Tätigkeiten, doch wenn die Reaktionen auf die frommen Tätigkeiten erschöpft sind und der Mensch das Höchste Ziel (Krishna) nicht erkannt hat, wird er gemäß seines Karmas auf der Erde wiedergeboren.
Solange also materielle Wünsche existieren, muss der Mensch (das Lebewesen) wiedergeboren werden, bis die Seele sich in immer reinere und bewusstere Formen verwandelt, um am Ende zu ihrem Ursprung zurückzukehren, wieder eins zu werden mit dem Höchsten. Alles Leben führt zu diesem Ziel hin, und die Inder hinduistischer Prägung wissen, dass selbst ein Buddha Hunderte von Leben brauchte, um zum Buddha, zum Erleuchteten, zu werden. Mit diesem Hintergrund ist es vielleicht ein wenig verständlicher, warum die hinduistische Gesellschaft Indiens das Leben, wie es sich derzeit gestaltet, akzeptiert und bei all dem, was mich Europäer verstört, erschreckt, schockiert und deprimiert - wie furchtbarer Dreck, Gestank, Lärm, erdrückende Armut, schreckliche Katastrophen, Krieg, Terrorismus, Zerstörung etc. - recht gelassen sind.
Um nun aber nicht völlig im Nihilismus zu erstarren, ist doch das Bestreben nach vorzeitiger Befreiung das einzige, was auch Sinn ergibt: Die Erfüllung des individuellen Karmas. In eine Gesellschaft, wie der hinduistischen, geboren zu werden, bedeutet für Kastenzugehörige in jedem Fall eine Gnade: Nur in dieser Gesellschaft ist am ehesten Befreiung möglich. Und so betrachtet sich die Kastengesellschaft, insbesondere die Brahmanenschicht, als Krone der menschlichen Art. Sie steht der Erlösung am nächsten. Und nur sie weiß von den transzendentalen Wahrheiten, die vor über 3.500 Jahren schriftlich und davor mündlich überliefert wurden, wonach die vedische Wahrheit so alt wie die Menschheit ist.
Nach einer Mythologie heißt es, dass Indra oder Varuna, oder Indra, Agni und die Maruts das Universum erschaffen haben. Analog dazu führten die Götter eine Opferzeremonie mit Purusha, dem universellen Geist durch. Purusha nahm die Form eines Riesen an und wurde zum ersten Menschen. Frühling war die Butter des Opfers, Sommer ihre Kraft und Herbst die Begleiterscheinung. Von Purushas Kopf entstieg der Himmel, von seinem Nabel die Luft und von seinen Füßen die Erde. Aus seinem Geist entsprang der Mond, von seinen Augen die Sonne, von seinen Ohren die vier Himmelsrichtungen, von seinem Mund Indra und Agni und aus seinem Atem Vayu. Die vier Kasten, deren symbolische Farben bezogen auf die vier Götter der Yugas sind, entsprangen ebenfalls von Purusha: die Brahmanen von seinem Mund, die Kshatriyas von seinen Armen, die Vaishyas von seinen Oberschenkeln und die Sudras von seinen Füßen. Diese Mythologie wurde später von Brahma adoptiert, der Purusha ersetzte. So wurde Brahma als Gründer der Kasten erkannt, das sie somit rechtfertigte.
Die Bhagavad Gita, Kap. 4.13, sagt aus, dass Krishna der Schöpfer von allem ist, so auch der der vier Kasten "Catur-varnyam maya srishtam...".
Da die Hindu-Tempel in vielen Fällen von Nichthindus nicht betreten werden dürfen (z.B. der Goldene Tempel in Pashupatinath - Nepal - der Shiva geweiht ist; der Thayumanaswamy-Tempel in Tiruchchirapalli, Indien, Shiva und Menakshi geweiht), bleibt dem somit Kastenlosen der Zugang zum Höchsten oft versperrt. Hindu wird der Mensch durch Geburt. Der Nichthindu hat daher auch keine Möglichkeit, in seinem jetzigen Leben Hindu zu werden.

Obgleich der Kastenzwang nach der indischen Unabhängigkeit aufgehoben wurde und sich zahlreiche neo-hinduistische Richtungen heute differenzierter und toleranter zeigen (die allerdings, abgesehen von der ISKCON / International Society for Krishna Consciousness und wenigen anderen, oft durch Vermischungen von hinduistischen mit westlichen Philosophien und Elementen diverser Religionen gekennzeichnet sind; zu erwähnen ist hier insbesondere die spirituelle "New Age" Bewegung der 1960er bis 1990er Jahre, wo "spirituelle Meister" wie Osho/Bhagvan, Maharishi Mahesh Yogi, die Lehrer der Linie Ramana Maharshi mit Poonjaji/Papaji bis hin zu den "erleuchteten" US-Amerikanern Gangaji und Eli Jaxon-Bear etc. Millionen Anhänger in westlichen Ländern finden konnten) hat die Kasteneinteilung im sozialen Leben Indiens nach wie vor eine hohe Gültigkeit.

Diese elitäre Sichtweise schmälert jedoch nicht die Qualität indischer Philosophie. Bietet sie doch eine große Chance, von ihr zu kosten, diese in sich aufzunehmen, sie zu verstehen, um den Wunsch zu entwickeln, im nächsten Leben als Hindu wiedergeboren zu werden, von allem Karma befreit zu werden, Erleuchtung zu erlangen und qualitativ eins zu werden mit Vishnu, der Schöpfergottheit.

Der Versuch einer Synthesenbildung

Wenn ich auch die hinduistische Lebenspraxis im Großen und Ganzen ablehne, vielleicht weil ich sie nicht verstehen kann oder will, heißt das nicht, dass ich die mehr aufs Diesseits bezogene materialistische Lebensphilosophie des christlichen bzw. atheistischen Westens uneingeschränkt befürworte. Inwieweit auch die existentialistische Philosophie eines J.P. Sartre in der Verwirklichung bestehen könne, erscheint mir nur im Ideal als möglich. Doch ein rein eigenverantwortliches Leben im Erkennen und Verwirklichen des eigenen Potentials, wo spirituelle Grundweisheiten ausgeschaltet bleiben und stattdessen das Ego überstrapaziert "aufgeblasen" werden kann, lehne ich ab. Weiterhin bleibt für mich die Frage nach Sinn und Zweck des Lebens offen. Ist es, wie Sartre sagt, dass das Leben "apriori" keinen Sinn gibt und man selbst gezwungen ist, ihm einen Sinn zu geben, oder hat es den Sinn, dass wir als Bewusstseinsfragmente aus dem Allbewusstsein hinausgefallen sind und nun nach der Ganzheit streben, also jene Bewusstseinsebene erklimmen wollen, die uns mit dem Göttlichen wieder vereinen lässt? Hat S. Freud recht, wenn er sagt, dass dieses Bestreben nach Vereinigung seine Wurzel im Geburtstrauma hat, das für uns Menschen die Geburt und die damit verbundene Trennung von der Mutter einen derartigen Schmerz ausgelöst hat, dass wir uns in der Welt verloren fühlen und wir uns danach sehnen, mit was und mit wem auch immer, die Vereinigung zu erlangen? Ist es der Geburtsschock, der den Vereinigungswillen so stark, beim einen mehr, beim anderen weniger, ausgelöst hat?
Das scheint sicher zu sein, dass wir Menschen die Einheit anstreben. Im Westen sinnbezogen, im Osten spirituell sinnbezwingend, mit Ausnahmen einiger shivaitischer Gruppen, die Vamchara-Tantra praktizieren. Hierin sollen gerade sinnbezogene Techniken zur Erleuchtung, d.h. zur Vereinigung mit dem Höchsten, führen. Durch teils exzessiven Genuss von madya (Wein), mamsa (Fleisch), matsya (Fisch), Mudra (Samenkörner) und maithana (die sexuelle Vereinigung) kommt es zur Vereinigung der höchsten Shakti mit dem höchsten Selbst. Vamchara ist bekannt unter Pancha-makaras oder die fünf M's.
Die Wahrheit wird wohl, wie so oft, in der Mitte liegen.
Bezogen auf mein derzeitiges Leben sind tägliche Meditation, Yoga und Studium jene Wegbegleiter, die mir ein Glücksgefühl schenken, das verbunden ist mit dem Zustand einer stabiler Ausgeglichenheit im täglichen Leben. Wenngleich ich auch die Beziehung zu einer Partnerin schätze, um mit ihr materiell wie spirituell das Gefühl der Vereinigung zu erleben, fühle ich, dass die Vereinigung, dieses Eins-Sein, wonach ich strebe, in erster Linie in mir liegt, entsprechend der Yoga-Lehre von der Vereinigung der entgegengesetzten Energien ( + /- bzw. Shiva/Shakti, ♀/♂ oder auch Yin und Yang) in der Person.
Doch weiß ich auch, dass ich andere Menschen brauche, über die ich mein Leben reflektieren und mich somit als soziales Wesen in der Welt in der ich mich nunmal bewege definieren kann. So erst kann ich dem Leben in einer Gesellschaft Aufgabe und Sinn geben. Wie man sieht, ist wohl beides notwendig. Auf der einen Seite die existentialistische Verwirklichung der eigenen selbstverantwortlichen Lebensgestaltung und Definition über andere Personen sowie die spirituelle Vereinigung der Polaritäten in der eigenen Person (männlich/weiblich, positiv/negativ u.ä.).
Eine weitere Problematik ergibt sich, wenn ich über die Realität von Zeit und Raum nachdenke. Besteht beides in der Realität naturwissenschaftlicher Beweisführungen nur aufgrund unseres Wahrnehmungsvermögens, so kann eine über die dreidimensionale Wahrnehmung hinausgehende multidimensionale Wahrnehmung zwar geistig, intellektuell nachvollzogen werden, doch vital, insbesondere physisch, werden wohl Schwierigkeiten auftauchen, sich in einer Multidimension bewegen zu wollen - zumindest solange man sich auf einer niedrigen emotionalen und mentalen Bewusstseinsstufe befindet. So werden wir uns einstweilen mit der dreidimensionalen Wahrnehmung und Wirklichkeit begnügen und unsere überdimensionalen Fähigkeiten mehr dem Bereich der "Fantasie" zuordnen müssen, wenn auch im Bereich des "Reiki" oder anderer esoterischer Praktiken bzw. aus der Para-Psychologie von Erfahrungen berichtet wird, die die Dreidimensionalität überschreiten. Ginge es hierbei um mehr als subjektiv, emotional erzeugte Erlebnisbilder und könnten diese einer wissenschaftlichen Beweisführung standhalten, würde das Streben von einer linearen Bewusstseinsentwicklung hin zur Vereinigung mit dem göttlichen Prinzip unnötig sein. Dann hätten wir die Gewissheit, dass alles denkbar Mögliche jetzt ist, also jede nur denkbare Existenzebene, wie auch die der transzendentalen Ebenen, in diesem Augenblick existiert. Das würde den Traumbereich als Moment einer gelebten Realität, eben einer anderen Existenzebene, gleichberechtigt mit dem Moment gelebter stofflicher Welten, wie der uns im Wachbewusstsein bekannten menschlichen Existenzebene, erscheinen lassen. Dann würden Engelserfahrungen, Ufo-Sichtungen, Jesus- oder Krishna-Begegnungen, Telepathie usw. nicht mehr "abgehobene", parapsychologische Sondererfahrungen, sondern selbstverständliche, natürliche, für Jedermann nachvollziehbare Wahrheiten der unterschiedlichsten Existenzebenen desselben Moments sein. Dann fügten sich alle Philosophien zu einer Wahrheit. All das ist das Eine, Eins in diesem Moment, quantitativ voneinander getrennt zwar, jedoch qualitativ eins. Das Sein, oder besser: das multidimensionale Sein, hat die Dreidimensionalität mit ihrem dualen Wahrnehmungshorizont durchbrochen und sich so als wahres Sein multidimensionaler Art erkannt.

The Divine Mother - Sri Aurobindo
Integraler Yoga, Supramental, Sat Chit Ananda


Die Frage, welche Kraft diese Existenzebenen bildet und sie nährt, wird von Sri Aurobindo mit "The Divine Mother" beantwortet, der aber den Terminus "Multidimensionen" nicht verwendet. In seinem "Integral Yoga" geht Aurobindo davon aus, bezogen auf die alten Philosophen Indiens, dass das normale menschliche Wachbewusstsein von Unwissenheit umnebelt ist. Um unseren ständigen Wunsch nach Glück und Zufriedenheit im materiellen wie im mentalen und spirituellen Bereich auf Dauer zu befriedigen, ist es nötig, diesen Schleier der Unwissenheit zu heben. Wir werden uns unserer wahren Existenz (Sat) bewusst, wenn wir das Göttliche (Divine) als die Energie erkennen, die alles Sein gleichzeitig durchflutet und somit miteinander vereint. Ein so erlangtes All-(kosmisches) Bewusstsein (Chit) führt zu Glückseligkeit (Ananda).
"The Divine Mother is the Consciousness and Force of the Divine - which is the Mother of all things." Aurobindo stellt auch nicht die Frage, ob es Gott oder Götter gibt. Er hält es für selbstverständlich, dass die "Göttliche Mutter" sich auf den unterschiedlichsten existentiellen Ebenen manifestiert, somit auch auf den Ebenen der Götter (und Gottes), die unterschiedliche Qualitäten der "Mutter" repräsentieren und als solche vom bewusstgewordenen Menschen als unterstützende Energien genutzt werden können. Nach seinem Integralen Yoga-System soll das göttliche Allbewusstsein aber nicht, wie nach alten Yogalehren, individuell bezogen und im asketischen, weltbezwingenden Zustand verhaftet bleiben. Es geht darum, das "Göttliche" Bewusstsein nicht nur im mentalen Bereich zu verwirklichen. Vielmehr ist es Aurobindos Anliegen, "The Divine" im Körperlichen bewusst zu machen, um so das normale Wachbewusstsein zu transformieren. Indem die uns bekannten körperlichen Sinne transzendiert und durch die Bewusstwerdung des "Göttlichen in Allem" nicht mehr als die, mein Selbst bestimmenden Kräfte definiert werden, findet eine zunehmende Öffnung hin zum Göttlichen statt, das unser aller Leben bestimmt. Das Göttliche, das als die dynamische Kraft erkannt und erlebt wird, manifestiert sich im supramentalen Bewusstseinsbereich der Menschen, das aufgrund materieller "Verunreinigung" weitestgehend unbewusst ist. Der supramentale Bewusstseinsbereich befindet sich "oberhalb" des mentalen Bewusstseinsbereiches, welches nicht allein die universal göttliche Wirklichkeit begreifen kann. Ziel des Integralen Yogas ist, das normale Bewusstsein für das "Herniederkommen" des Supramentalen zu öffnen, um so die gesamte Natur auf Erden zu transformieren. Aurobindo machte in sich die Erfahrung des Herniederkommens der supramentalen Energie. Er fasste daraufhin den wunderbaren Entschluss, ein besonderes Bauwerk für "The Divine Mother" zu errichten: Matrimandir - Das Haus der Mutter . Dieses Gebäude, eine riesige Betonkugel, soll das göttliche Licht sternförmig in alle Richtungen der Erde ausstrahlen und so bei der globalen Erleuchtung mitwirken. "One who receives and accepts and lives in the Mother's light, will begin to see the truth on all the planes, the mental, the vital, the physical. He will reject all that is undivine, - the undivine is the falsehood, the ignorance, the error of the dark forces; the undivine is all that is obscure and unwilling to accept the divine Truth and its light and force. The undivine, therefore, is all that is unwilling to accept the light and force of the Mother. That is why I am always telling you to keep yourself in contact with the Mother and with her Light and Force, because it is only so that you can come out of this confusion and obscurity and receive the Truth that comes from above."
Ein jeder sollte jederzeit so leben, als befände er sich unter den Augen der Göttlichen Mutter. Es gilt ein Leben zu führen, das keinen Raum für negative Gedanken und Gefühle bietet.

Der Dalai Lama in Auroville
Mitgefühl, Liebe, Vergebung - Grundwerte


Der Dalai Lama machte bei seinem Besuch in Auroville im Dezember 1993 mit einfacheren Worten deutlich, worauf es ankommt, um inneren wie auch äußerem Frieden, i.e. Glück und Zufriedenheit, zu erlangen. Seiner Meinung nach ist es schon erforderlich, das Bewusstsein auf der materiellen sowie auf der spirituellen Ebene zu entwickeln. Dabei schenkt er einer religiösen Zuwendung nur sekundäre Aufmerksamkeit. Anders sieht es mit den normalen menschlichen Grundwerten aus. Werte wie Mitgefühl, Liebe und der Bereitschaft zu vergeben, sind Grundqualitäten, die wir von unseren Eltern, insbesondere der Mutter, oder anderen Mitmenschen, die uns diese Werte vermitteln, lernen. Diese tiefen menschlichen Werte lernen wir von Geburt an. Die Religion kommt viel später. Der Dalai Lama räumt zwar ein, dass die Religion eine bedeutsame Rolle in der Erhaltung und Entwicklung dieser Werte spielen kann, doch bei genauerer Betrachtung ist auch ohne Religion eine echte, natürliche Spiritualität möglich, vorausgesetzt, dass die menschlichen Grundwerte noch lebendig sind. Ohne diesen Grundwerten aber gibt es kein Überleben. "Our whole future must be dependent on what I call these secular moral ethics. These are the foundations of human existence. In order to make clear these basic values and their importance I described religion as a luxury item... You can be a believer or an unbeliever, that is up to the individual, that's each person's right, but there is no choice between being a compassionate or non-compassionate person, as I believe that compassionate moderation is the basis of our happiness, our mental stability. And for our daily life as well as the world's future, mental stability and calmness of mind is a crucial factor for a good life, a positive life. World peace - peace with our fellow human beings, peace with animals, and peace with the environment - is much dependent on that kind of mental state ."

Matrimandir - Das Haus der Mutter - Erlebnisbericht

Wir begeben uns in diese gigantische Betonkugel, die eine einzige Baustelle zu sein scheint. Auf halbem Weg zur Meditationshalle müssen wir unsere Schuhe abgeben, dafür bekommen wir weiße Socken. Der Rest des Weges geht über roten Teppichboden. Jeweils fünf Leute dürfen nun weiter voranschreiten. Wir schweigen. Endlich: Uns wird die Tür zur Meditationshalle, zum Herz der Mutter, etwa auf halber Höhe der Kugel geöffnet. Eine kühle, angenehme Atmosphäre kommt uns entgegen. Die Halle ist komplett mit weißen Marmorplatten bestückt und umfasst den gesamten oberen Teil der Kugel. Auf dem Fußboden sind weiße Meditationskissen ausgelegt. Die Anwesenden sind tief in Meditation versunken. Die spirituelle Schwingung erfasst uns. Wir setzen uns auf die Kissen, und augenblicklich sind wir auch innen still. Unser Blick fällt auf die in der Mitte der Halle befindlichen Kristallkugel, die einen Durchmesser von ca. 60 cm hat. Sonnenstrahlen, die aus dem kleinen Kuppelfenster auf die Kristallkugel treffen, werden je nach Lichteinfall in unterschiedlichen Farben reflektiert. Ich versinke in tiefe Meditation. Stille. Das Hämmern und diverse andere Baustellengeräusche erscheinen mir, als würden sie von einem permanenten Ton, der die Qm-Frequenz hat, begleitet. Durch die Marmorkapsel dringen die Geräusche sehr gedämpft, wie von sehr fern und doch nah. Die Meditation ist tief. Ich nehme die örtlichen Schwingungen auf und plötzlich bekommt jedes Geräusch den Charakter von jeglicher möglichen Bewegung auf der Erde und im Kosmos. Ob Autos, Maschinen jeglicher Art, Steine, Pflanzen, Tiere, Menschen - alles wird durch die Geräusche, die indirekt wahrgenommen werden, repräsentiert und von diesem permanenten Ton Om durchdrungen. Der Om-Ton erfüllt mich, meinen Körper, meinen Geist, meine Seele. Ich bebe voller glückseliger Erregung. Die Om-Frequenz schwingt so heftig, dass die Schwingung ein helles, weißes Licht annimmt und mich durchflutet. Alles ist leuchtend hell. Ich weiß, dass "all das was ist", dieser eine Ton ist. Somit ist alles Existierende von dieser transzendentalen Energie durchdrungen und somit im höchsten Maße lebendig, eins. "Das ist Das" - Tat Tvam Asi und So Ham -"Ich bin Du", sind somit real. Das Supramentale durchflutet alles - es ist anwesend - es ist all das. Bliss. Und im selben Moment fragte Miriam, ob es gerade heller im Raum geworden sei oder ob es Einbildung war. Ich musste lachen -ja, es wurde hell, wahnsinnig hell.

Aurobindo - Biographie - Zusammenfassung seiner Lehre

Am 15.8.1872 wurde Aurobindo in Kalkutta geboren. Mit 7 Jahren kam er nach England und erhielt dort bis 1893 eine fundierte Ausbildung an der St.Paul's School (London) sowie im Kings College (Cambridge). Von 1893 - 1907 arbeitete er als persönlicher Assistent des Maharajas von Baroda und als Professor im Baroda-College. Während dieser Zeit erlernte Aurobindo Sanskrit und Bengali und schrieb eine Reihe von Gedichten und Literaturkritiken. Außerdem bereitete er im Geheimen einen bewaffneten Aufstand gegen die britische Regierung vor. Nach der Teilung Bengalens 1905, verließ Aurobindo seinen Posten in Baroda und ging nach Kalkutta, wo er einer der Anführer der National-Bewegung wurde, die die Unabhängigkeit Indiens zum Ziel hatte. Als Herausgeber der Zeitung "Bande Mataram" entwickelte er mutig seine Idee von der kompletten Unabhängigkeit Indiens vom UK weiter. Aurobindo wurde dreimal wegen Verdachts des Landesverrates verhaftet, jedesmal aber wegen ungenügender Beweise freigelassen. 1905 begann Aurobindo mit Yoga. 1910 ging er nach Pondicherry, um sich ein oder zwei Jahre der Meditation zu widmen. Er erkannte bald, dass die spirituelle Arbeit seine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahm. Er beendete die Beziehung mit der revolutionären Bewegung. Während seiner vierzig Jahre in Pondicherry arbeitete er ein neues System spiritueller Entwicklung aus, welches er den Integralen Yoga nannte. 1926, mit Hilfe seiner spirituellen Mitarbeiterin "The Mother", gründete er einen Ashram, wo sein Motto "Alles Leben ist Yoga" in die Praxis umgesetzt werden konnte. Dieser Ashram ist im Gegensatz zu anderen bekannten Ashrams ein sehr offener, weltzugewandter. Es gibt keine Systemdogmen. Jedem "Suchenden" ist freigestellt, welchen Weg er für seine spirituelle Entwicklung geht. Höchstes Ziel seiner Lehre ist die Bewusstmachung, das "Herniederholen" des Supramentalen in die Welt, um das Normalbewusstsein der Natur zu transformieren und zu öffnen für das Wahrheitsbewusstsein, das er "The Divine" nennt, welches seinen Ursprung bei der "Divine Mother" hat, die Mutter aller Dinge ist. Sein System lehrt eine in der Welt dem Göttlichen hingegebene Lebenshaltung. Den rein individuellen, asketischen Yogaweg lehnt er weitgehend ab, obwohl er sich auch den alten Yogalehren bedient und sie in seinem System integriert hat. Sri Aurobindo lehrt, dass ein "Heruntersteigen" des höheren Prinzips möglich ist, welches das spirituelle Selbst nicht weiter aus der Welt befreien will, sondern es in der Welt befreit und des Geistes Unwissenheit (mentales Bewusstsein) oder sehr begrenztes Wissen durch ein supramentales Wahrheitsbewusstsein ersetzt. Der erste Prozess dieses Yogas ist demzufolge, den Bereich des inneren Selbst zu öffnen und mehr und mehr im äußerem Leben zu integrieren, um es schließlich davon bestimmen zu lassen. Während dieses Prozesses wird man seine wahre Seele entdecken, die nicht nur aus mentalen, vitalen und physikalischen Elementen besteht, sondern etwas von der Realität dahinter, "...a spark from the one Divine Fire" ist.
Unter Aurobindos vielen Schriften aus der Pondicherry-Periode sind insbesondere "Das göttliche Leben" (The Life Divine), "Die Synthese des Yoga" (The Synthesis of Yoga) und "Savitri" herauszuheben.

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Highslide JS
Aurobindo-Ashram. Pondicherry. 1994.

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Aurobindo-Ashram. Pondicherry. 1994.

Sri Aurobindo gab seinen Körper am 5. Dezember 1950 auf. Mit der "Mother" ist er im Hof des Ashrams in Pondicherry beigesetzt, wo sich täglich Freunde und Interessierte zur stillen Meditation einfinden.
"The Divine Truth is greater than any religion or creed or scripture or idea or philosophy - so you must not tie yourself to any of these Things."



Literatur

  • Chawdhri, Dr. L.R: Secrets of Yantra, Mantra and Tantra Sterling Paperback, New Dehli 1992.
  • Prabhupada: Die Bhagavad Gita - wie sie ist. The Bhaktivedanta Book Trust, 1987.
  • Sartre, J. P.: Der Existentialismus ist ein Humanismus.
  • Roberts, Jane: Gespräche mit Seth - Von der ewigen Gültigkeit der Seele. Ariston-Verlag.
  • Sri Aurobindo: The Integral Yoga. Sri Aurobindo Ashram Trust, 1993.
  • Pavillion of Tibetan Culture: The Dalai Lama in Auroville. Auroville, 1994.
  • Hamlyn, Paul: Indien Mythology. Paul Hamlyn Limited Drury House, Rüssel Street London WC 2, Copyright 1967 Veronica lous. Printed in Italy.

www-Links

Mantras - Die heilige Silbe OM
Der Vishnuismus - Entstehung und Verbreitung

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