Was ist Esoterik ?

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1. Wort und Begriff

  1. Esoterik (gr. esoterikós - der Innere) bezeichnet verschiedenartiges Sonderwissen für wenige Insider, dessen Erwerb und Gebrauch beschränkt ist, weil es für die 'Massen' "draußen" (die 'Exoten', vgl. gr. exoterikós - der Äußere), bzw. drunten zu schwierig oder für die droben gefährlich wäre. Dieses Wissen wurde in den altorientalischen und mediterranen Kulturen von den anerkannten Instituten für Wissen, Frömmigkeit und Bildung erzeugt und verwaltet. Es ist 'geheim', das bedeutet oft 'sekretiert' (lat. secretum - das Abgesonderte, das Geheimnis), 'okkult' (lat. occultus - versteckt, gr. apó-kryphos - verborgen), nur den 'Eingeweihten' zugänglich. In der neueren Zeit gehören esoterische Texte oft der gegen- und Subkultur an, zirkulieren in handschriftlichen oder mit einfachen Techniken hergestellten Kopien, steigen nur selten zur Literatur und in den Buchhandel auf. Gegenwärtig hat Esoterik aller Art und Zeiten in westeuropäischen Ländern einen besonders großen Markt. Sie findet sich in Bibliotheken und Buchhandlungen als eigene Abteilung (Astrologie, Tarot, Zauber, asiatische Weisheit, okkulte Philosophie; New Age) zwischen Lebensreform (Paramedizin, Parallelwissenschaften, Grenzwissenschaften) und Mystik (Kabbalistik, Paracelsiana) oder in Zeitschriften wie "Esotera" (Freiburg), "Sphinx" (Basel), "Yin-Yang" oder "Heiden-Spaß - Esoterisch-kulturelles Kampfblatt der Heiden Europas".1

  1. Das Wortpaar 'esoterisch / exoterisch' ist erst im 3. Jahrhundert n. Chr. in einer Satire auf die Eigenarten griechischer Philosophenschulen belegt.2 Das Wort 'exoterisch' stammt aus dem peripatetischen Schulbetrieb; die genaue Bedeutung ist unsicher: 'Schriften (Lehren) außerhalb der peripatetischen Schule' (FRANZ DIRLMEIER) oder 'propädeutische und populäre Schriften (der Peripatiker selbst)'.3 Der ältere Name für die "inneren" Schriften war "Kommentar" 4 oder libri (disciplinae) acroatici (-cae) - Bücher (Lehren) für ausgewählte, fortgeschrittene Schüler.5
  2. Sonderwissen (Herrschaftswissen, Heilwissen) zieht Grenzen, schafft Hierarchien und Eliten und/oder ist deren Produkt. Eine verrätselte, 'hermetische' Sprache, Sonderzeichen (Symbole, Runen), lange Lerndauer, die Forderung nach Geheimhaltung, Arkandisziplin vergrößern die Distanzen nach außen. Esoterische Zirkel versprechen - wie alle 'Konventikel', 'Sekten', Kleingruppen - Intimität und Exklusivität, enge Bindung der Mitglieder untereinander und zwischen Meister und Jünger.

2. Drei Beispiele

  1. Ein neuassyrischer Text aus Ninive bietet 'mystische' Erklärungen von Götternamen. Die Schlussformel lautet6: "...ein Geheimnis des Weisen. Der Nicht-Wissende soll es nicht sehen."
  2. Die soziologische Bedeutung der Unterscheidung esoterisch / exoterisch wird in einer Anekdote anschaulich, nach der Alexander der Große die Publikation der aristoltelischen Vorlesungen für Fortgeschrittene bedauert haben soll7: sie seien jetzt "gemein" (gr. koinoí, lat. communes), wodurch könne er sich von der philosophisch oberflächlisch gebildeten Masse unterscheiden? ARISTOTELES rechtfertigt die Publikation mit der Bemerkung: er habe sie nicht "geheim" halten wollen (gr. en aporrhétois - ein Wort der Mysteriensprache; lat. ut arcana abscondita); verstehen könne die Bücher aber doch nur, wer seine Vorlesungen gehört habe. - Die Geschichte ist ein gutes Zeugnis für die offene Grenze zwischen Schriftlichkeit und Mündlichkeit im antiken Bildungswesen; es zeigt, dass die Unterscheidung 'mündlich/schriftlich' sich nicht mit der von 'esoterisch/exoterisch' deckt.
  3. Im Evangelium des MARKUS erzählt Jesus der Menge (gr. óchlos) das Gleichnis von der vierfachen Saat. Als er mit den Seinen allein ist katá mónas), sagt er8: "Euch ist das Geheimnis (gr. mystérion) des Königreiches Gottes gegeben, denen draußen aber (tois éxo) geschieht alles in Gleichnissen, dass sie sehen und nicht erkennen ..."
    Der Text stellt viele Fragen: Wer sind "die draußen", die Nichtjuden oder die Juden? Weshalb werden sie "verstockt"? Können Gleichnisse Allegorien sein? Stammt die Rede von JESUS, von MARKUS, oder ist sie, mindestens teilweise, ein Zusatz zum (UR-) MARKUS? Unter den Stichworten 'Parabeltheorie, Prädestination, Verstockungslehre' ist die Partie oft behandelt und reich kommentiert worden.


Literatur

Burkert, W., Lore and Science in Ancient Pythagoreanism, 1972; CLASEN, H., Die Arkandisziplin in der alten Kirche, 1956; DIRLMEIER, F., Physik IV 10 (Exoterikoi logoi), in: J. DÜRING (Hrsg.), Naturphilosophie bei Aristoteles und Theophrast, Verhandl. 4. Symp. Aristotel., Göteborg 1966, 1969, 51-58; GNILKA, J., Die Verstockung Israels. Isaias 6,9-10 in der Theologie der Synoptiker, 1961; KLAUCK, H.-J., Allegorie und Allegorese in synoptischen Gleichnistexten, 1978; PLEUCKERT, W. E., Geheimnis und Geheimhaltung im rabbinischen Judentum, 1975; WIPPERN, J. (Hrsg.), Das Problem der ungeschriebenen Lehre Platons, 1971.

Hubert Cancik in: Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe, Band II, Kohlhammer 1990, 345 f.



1 Vgl. MIGUEL SERRANO, Das goldene Band. Esoterischer Hitlerismus, Teut-Verlag, 1987.
2 LUKIAN, Vitarum auctio 26: über die "Doppelheit" des Peripatetikers, der einen esoterischen und eiinen exoterischen Teil habe. - Vgl. GALEN 5,313 (KÜHN) über stoische Lehren.
3 ARISTOTELES, Nikomachische Ethik 1,13 (1102a26): Lehren über die Seele; 6,4 (1140a3): über Herstellung und Handlung; ders., Metaphysik 13,1 (1076a 28-29): Ideen, Wesen, Zahlen. Vgl. W. D. ROSS, Aristotle's Metaphysics 2, 21958, 408ff.
4 CICERO, de finibus bonorum et malorum 5,5,12: ...duo genera librorum sunt, unum populariter scriptum, quod exoterikon appellabant, alterum limatius, quod inn commentariis reliquerunt...; vgl. ders., ad Atticum 4,12,2; ders., de natura deorum 3,42: interiores et reconditae litterae.
5 GELLIUS 20,5: exoteriká - akroatiká / rhetorisch-politische Allgemeinbildung - Naturphilosophie und Dialektik philosophia remotior subtiliorque); Quelle: ANDRONIKOS VON RHODOS, ca. 70 v. Chr.
6 Cuneiform Texts 25 Taf. 50 (= K 170) + Cuneiform Texts 46 Nr. 54 (= Rm 520); Rückseite, Z.9: nisirti apkalli. lá mudu lá immar. - nisirtum - Geheimnnis, von nasaru - bewachen.
7 GELLIUS 20,5, aus Andronikos.
8 MARK. 4,11f. - Vulgata: et cum esset singularis ... vobis datum est mysterium regni dei. Illis autem qui foris sunt in parabolis omnia fiunt ut videntes videant et non videant.