Die Baha'i-Religion

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Geschichte
Lehren
Verfolgung und Diskriminierung in islamischen Staaten
Die Baha'i in Deutschland
www-Links und Literatur

Nach dem Stifter ihrer Religion, Baha'u'llah, nennen sich seine Anhänger Baha'i. Die Baha'i-Religion versteht sich als jüngstes Glied einer unendlichen Kette von Offenbarungsreligionen. Im Mittelpunkt ihrer Lehren steht die Einheit Gottes, die Einheit der Religion, die Einheit der Menschheit.

Ihr Ziel ist die Verwirklichung des "Friedens auf Erden" und die "Vereinigung der streitenden Völker und Geschlechter der Erde." Weltweit gibt es über fünf Millionen Baha'i in 214 Ländern und Territorien. Das Bahai'i-Weltzentrum, Sitz des gewählten internationalen Führungsgremiums, liegt in Haifa, Israel, nahe dem letzten Verbannungsort des Religionsstifters Baha'u'llahs.

Lotus-Tempel in Dehli/Indien
© Rainer Kurka. Lotus-Tempel 1995 in New Delhi/Indien

Geschichte

Im Zusammenhang mit der schiitischen Endzeiterwartung und dem damit angekündigten Erscheinen des zwölften Imam, des Erlösers (Mahdi), gab es immer wieder Bewegungen, die sich auf das unmittelbar bevorstehende Ereignis vorbereiteten. Um 1800 entstand eine solche Bewegung im Irak um Sheikh Ahmad-i Al-Ahsa (1752-1826). Er verkündete seinen Anhängern, dass er ein Vorläufer, ein Gesandter (Bab - auch "Tor" i. übertr. Sinn) des Mahdi sei. Nach ihm benannten sich seine Anhänger Sheiki. Die Bewegung verbreitete sich auch im Iran, wo ein zweiter Bab auftrat, der Perser Sayyid Kazim-i Rashti (gest. 1843).

1844 erklärte der aus Schiraz stammende Kaufmann Sayyid Mirza Ali Mohammed (1819-1850), er habe eine göttliche Offenbarung erhalten, dass er der Bab sei. Er nannte sich auch Nukta, Punkt (aus dem alles Erschaffene gezeugt wurde). Dem Islam stellte er ein eigenes Religionsgesetz entgegen, den Bayan. Schon auf dieser Vorstufe zur Baha'i-Religion war die Grundlage einer ganz neuen Religion geschaffen. Zu den wichtigen neuen Glaubenssätzen gehörte die Forderung der Toleranz gegenüber anderen Glaubensbekenntnissen und das Verbot des Religionskrieges (Dschihad). Viele Gebote des Islam wurden für unzeitgemäß angesehen und durch fortschrittliche neue Ordnungen des Ehe- und Familienrechts aufgehoben.

Der Babismus gewann schnell Anhänger. Die schiitischen Theologen sahen darin eine Bedrohung ihrer eigenen Autorität. Der Islam kann nach eigenem Selbstverständnis nicht durch neue Offenbarungen erneuert, reformiert oder ersetzt werden. Der Bab und seine Anhänger wurden als Ketzer blutig verfolgt. Bis 1850 sind in drei Provinzen Persiens etwa 20.000 Babi grausam ermordet worden. Der Bab selbst hat in Tabris den Märtyrertod erlitten.

Dreizehn Jahre später trat dann der vom Bab angekündigte Offenbarer in Erscheinung. Es war der 1817 in Teheran als Sohn eines Staatsministers geborene Mirza Husayn Ali (1817-1892). Seit 1863 trug er den Namen Bahu'u'llah, "Herrlichkeit Gottes". Wie sein Vorgänger musste er Verfolgung und Verbannung an wechselnden Orten erdulden. Zuerst wurde er nach Konstantinopel verbannt, dann fünf Jahre lang in Adrianopel festgehalten.

Dann kam eine jahrelange Gefangenschaft und anschließender Hausarrest in der osmanischen Strafkolonie Akka in Syrien. Später lebte er dort mit seiner Familie in einem Landhaus außerhalb der Stadt, war aber offiziell weiter ein Gefangener der Regierung. Während seiner Lebenszeit schrieb er in über hundert Büchern und Schriften seine Lehren nieder und verkündete seinen Anspruch, der Verheißene aller Religionen zu sein, in zahlreichen Briefen und Schriften an die Völker und an die geistlichen und politischen Führer seiner Zeit, darunter auch ein Appell an den deutschen Kaiser Wilhelm I. (abgefasst wahrscheinlich vor seiner Krönung zum Kaiser des Deutschen Reiches, also vor 1871):

Sprich: O König von Berlin! ..." "O Ufer des Rheins! Wir sehen euch mit Blut bedeckt, da die Schwerter der Vergeltung gegen euch gezückt wurden; und es soll noch einmal geschehen. Und wir hören das Wehklagen Berlins, obwohl es heute in sichtbarem Ruhme strahlt." (zitiert im Kitabi Aqdas).

Er starb 1892, nachdem er testamentarisch seinen ältesten Sohn Abdu'l Baha (1844-1921) als Führer der Gemeinde eingesetzt hatte.
Als 1908 die jungtürkische Revolution der politischen Herrschaft des Sultans ein Ende setzte, wurde die Verbannung der Familie aufgehoben. Abdu'l Baha zog nach Haifa, reiste von dort nach Alexandrien und unternahm in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg Reisen nach Europa und Amerika, um die Religion seines Vaters zu verbreiten. Während seiner Wirkungszeit entstanden die ersten Gemeinden im christlichen Westen, damit begann für die neue Religion die universale Verbreitung. Zu seinem Nachfolger bestimmte Abdu'l Baha seinen Enkel Shogi Effendi (1897-1957), der den Titel "Hüter der Sache Gottes" trug.
Unter seiner Führung begann der Aufbau örtlicher und nationaler Gremien. Nach seinem Tode gab es keinen persönlichen Nachfolger, die höchste Institution ist seither das Universale Haus der Gerechtigkeit, ein gewähltes Gremium, das Baha'u'llah in seinem "Buch der Gesetze" vorsah.

Lehren

Die Lehren der Baha'i-Religion betonen die Transzendenz und Einheit Gottes, von dem alle Religionen und ihre Offenbarer ausgehen. Diese Heilsgestalten wie Moses, Christus, Krishna, Buddha und Mohammed sind Mittler des göttlichen Willens. Die Menschheitsgeschichte wird durchzogen von einer Kette von Offenbarungen. Jede dieser Offenbarungen hat einen geistigen und einen sozialen Teil und bildet so die Grundlage einer großen Kultur. Die Baha'i glauben demnach an eine fortschreitende, zyklisch wiederkehrende Gottesoffenbarung. Für sie gibt es keine sich gegenseitig ausschließenden Religionen, sondern nur eine unteilbare göttliche Religion. Mit dem Gründer Baha'u'llah ist eine neue Weltzeit angebrochen, worin die Menschheit ihre Vollendung erfährt.

Das wichtigste Ziel der Baha'i-Religion ist die Einheit der Menschheit zu realisieren. Gleichwertigkeit von Mann und Frau, eine universelle Erziehungs- und Bildungspflicht, Schaffung einer Welthilfssprache zur Überwindung der Sprachenbarriere, Schaffung einer Weltregierung, einer Weltlegislative und eines Weltgerichtshofes sehen die Anhänger der Baha'i-Religion als ihren göttlichen Auftrag an. Vorurteile bezüglich der ethnischen Zugehörigkeit, des Bekenntnisses, der Klasse, der Nationalität und des Geschlechts sind zu überwinden. Unvoreingenommen sollen die Wahrheit erforscht, Wissenschaft und Religion in Einklang gebracht werden. Die Forderungen nach einer gemeinsamen Welthilfssprache, nach einem einheitlichen Münz- und Maßsystem, der Entwicklung eines ausgewogenen Welthandels, der Überwindung von Hunger und Armut, nach ungehindertem Wissensfluss und einer Verbesserung sämtlicher Kommunikationswege sind zugleich logische Folge und Hilfsmittel auf diesem Weg. Die Schriften Baha'u'llahs fordern eine weltweite Abrüstung, ächten den Krieg. Für den Einzelnen wie für die Gesellschaft benennt der Religionsstifter die Gerechtigkeit als eine zentrale Norm. Arbeit im Sinne eines Dienstes an der Menschheit wird als Gottesdienst gewertet. Die Baha'i betrachten es als eine Verpflichtung, die individuellen Fähigkeiten jedes Menschen zu fördern und zu entwickeln. Bisher gibt es mehr als 700 Baha'i-Schulen und -Institute sowie mehrere Radiostationen. Auf der ganzen Welt arbeiten örtliche Baha'i-Gemeinden an zahlreichen Projekten der Friedensforschung. Bildung, Gesundheit und Umwelt und an Entwicklungsprojekten zur Selbsthilfe. Bei strikter Enthaltung aller politischen Parteinahme bestimmt das Bemühen um Frieden, Fortschritt und Menschenwürde auch die Mitarbeit der Baha'i-Gemeinde bei den Vereinten Nationen u.a. in den Bereichen Menschenrechte, Umweltschutz, wirtschaftliche Entwicklung, Status der Frau, Welternährung und Abrüstung.

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Verfolgung und Diskrimnierung in islamischen Staaten

Die beiden Religionsoffenbarer, der Bab und Baha'u'llah, waren ihrer Herkunft nach aus der vom schiitischen Islam geprägten persischen Gesellschaft hervorgegangen. Unter gewissen Gesichtspunkten kann man den Bab auch als einen Reformer des Islam ansehen, während Baha'u'llah jedenfalls der Schöpfer einer neuen Religion gewesen ist. Sie ist sowenig eine islamische Sekte wie das Christentum eine jüdische Sekte sein kann. Die Tatsache, dass die neue Religion über die Offenbarungen des islamischen Propheten Mohammed hinausführt, wurde im Islam als Gotteslästerung und Ketzertum aufgefasst. Ein islamischer Gerichtshof in Ägypten verkündete 1925 ein Urteil, in dem die Ehe von drei Baha'i wegen Abtrünnigkeit vom Islam annulliert wurde. Darin heißt es in der Begründung:

Der Baha'i_Glaube ist eine völlig neue unabhängige Religion mit eigenen Glaubenslehren, Grundsätzen und Gesetzen, die von den Glaubenslehren des Islam abweichen und zu ihnen in schroffem Gegensatz stehen. Kein Baha'i kann daher als Muslim gelten oder umgekehrt, so wenig wie ein Buddhist, Brahmane oder Christ als Muslim gelten kann oder umgekehrt." (zitiert nach W:S: Hatcher, Bah'u'llah und die Christen, 1974, S.22)

Mit dem Auftreten fundamentalistischer islamischer Bewegungen im Nahen Osten und im Iran hat in den letzten Jahrzehnten die Verfolgung und Diskriminierung von Baha'i-Anhängern in diesen Ländern zugenommen. Ihren Höhepunkt erreichte sie im Iran nach der islamischen Revolution 1979. In ihrem Ursprungsland ist die Baha'i-Religion mit etwa 350.000 Anhängern die größte religiöse Minderheit neben Christen, Juden und Parsen. Diesen drei Gruppen wird in gewissem Umfang Schutz, zumindest Duldung gewährt. Die Baha'i wurden jedoch seit 1980 blutig verfolgt, zweihundert Gläubige sind hingerichtet worden, Tausende ins Gefängnis geworfen. 1987 gab es erneut Hinrichtungen von Baha'is, die Verfolgung und Diskriminierung hält trotz internationaler Proteste und weltweiter Verurteilung dieser Religionsverfolgung weiter an.

So hat der Deutsche Bundestag am 6. Dezember 1991 erneut einstimmig eine Resolution verabschiedet, in der die andauernden Verfolgungen der Baha'i im Iran beklagt und die verfassungsrechtliche Anerkennung der Baha'i-Gemeinde im Iran gefordert werden.

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Die Baha'i in Deutschland

Die deutsche Baha'i-Gemeinde war 1993 die größte Europas. Nach einer Prophezeiung Abdu'l Bahas ist sie dazu bestimmt, beim geistigen Erwachen und der Hinwendung Europas zur Baha'i-Religion eine wichtige Rolle zu spielen. Die erste Gemeinde wurde 1907 gegründet, nachdem schon ab 1905 eine Vortragstätigkeit in Gang gekommen war. 1909 veröffentlichte der "Selbstverlag der Baha'i-Vereinigung" erste Schriften in deutscher Sprache. Mit dem Besuch von Abdu'l Baha im Jahre 1913 in Deutschland kam ein neuer Impuls. Ab 1918 entstanden verschiedene kleine Gemeinden. Der Mittelpunkt blieb zunächst Stuttgart. Dort erschien 1922 die Zeitschrift "Sonne der Wahrheit, Zeitschrift für Weltreligion und Welteinheit" als Organ der Baha'i in Deutschland und Österreich. Ein Jahr später (1923), wurde der erste "Nationale Geistige Rat" gewählt.

Wie viele andere Religionsgemeinschaften, erhielt auch die Baha'i-Gemeinschaft unter dem Nationalsozialismus Verbot. Im Juni 1937 wurde das Verbot öffentlich bekanntgegeben, ihr Schrifttum wegen "internationaler und pazifistischer Tendenzen" beschlagnahmt und vernichtet. Erst 1945 konnte sich die Gemeinschaft in Stuttgart neu organisieren. Im Laufe der folgenden Jahre vergrößerte sie sich ständig. 1964 wurde das erste Haus der Andacht in Europa (drittes weltweit) in Hofheim-Langenheim/Taunus in der Nähe von Frankfurt/Main eingeweiht. 1974 wurde das neue Nationale Verwaltungszentrum am gleichen Ort eingeweiht. Die Baha'is leben an über 700 Orten Deutschlands und sind auf örtlicher Ebene in etwa 100 örtlichen Geistigen Räten organisiert, ihre Mitgliederzahl umfasste 1993 über 4000 Personen.

Die Baha'i-Gemeinde in Berlin

Seit 1915 gibt es in Berlin Anhänger der Baha'i-Religion, 1926 gab es bereits Zentren in den Bezirken Charlottenburg, Schöneberg und Schmargendorf. 1993 bestanden neun Gemeinden und mehrere Gruppen mit einigen hundert Mitgliedern. Sie setzen sich aus Menschen verschiedener ethnischer, kultureller und sozialer Herkunft zusammen. Die Baha'i-Gemeinden werden durch einen Geistigen Rat, der aus neun Personen besteht, geführt. Dieses Gremium wird jährlich in geheimer Wahl gewählt, ohne dass Parteien oder Kandidaten aufgestellt werden. Wahlpropaganda ist untersagt. Der örtliche Geistige Rat entscheidet nach offener und vorurteilsfreier Beratung über die Angelegenheiten der Gemeinde. Alle Aktivitäten der Gemeinde werden durch freiwillige Spenden der Mitglieder finanziert.
Gemeindetreffen finden zum Neunzehntagefest - in einem 19tägigen Rhythmus - statt. Diese Feiern haben einen geistigen, einen beratenden und einen sozial-geselligen Teil.

In jedem Berliner Verwaltungsbezirk, in dem mehr als neun erwachsene Baha'i leben, wird jährlich ein örtlicher Geistiger Rat gewählt. Es bestehen zahlreiche Verbindungen zu anderen Baha'i-Gemeinden in Deutschland und in der Welt.

    Literatur:

    Der Artikel entstammt der Broschüre "Einheit in der Vielheit - Weltreligionen in Berlin" (Autorin: Gabriele Yonan; Erscheinungsjahr: 1993) und durfte mit Genehmigung der damaligen Ausländerbeauftragten von Berlin (Herausgeberin der Broschüre) in Auszügen auf meiner alten Webseite von muz-online.de (2000-2017) veröffentlicht werden.
    Der Original-Text wurde von my-europe.de an einigen Stellen leicht modifiziert und wird von Zeit zu Zeit aktualisiert.

  • Zu Gabriele Yonan:
    G.Y. wurde 1998 aufgrund fehlerhafter Selbstbezeichnungen von Seiten der FU-Berlin verwarnt.


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