Aleviten in Berlin

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Die aus dem arabischen hergeleitete Bezeichnung Alawi(yun) für die Anhänger des Ali ibn Abu Talib, der mit dem Propheten Mohammed in enger Verwandtschaft stand und somit zu den "Ahl al-Bait" (Angehörige des Prophetenhauses) gehörte, ist die Wortwurzel für den Namen Aleviten.

Der Alevismus entstand aus dem Islam heraus als Volksopposition gegen den orthodox-sunnitischen Islam. Aber auch gegenüber der Schi'a grenzt er sich ab: "Außer der Liebe zu Ali und den zwölf Imamen verbindet den Alewismus nichts mit den Schiiten im Iran, Irak und anderen arabischen Ländern, die mit der Scharia-Reaktion verbunden bleiben."
(vgl. Broschüre zur Kulturwoche der Anatolischen Aleviten in Berlin, 1991)

Die religiös-soziale Bewegung der Aleviten wurde während der Herrschaft der Mameluken, Seldschuken und Osmanen verfolgt und ihre Anhänger als Ungläubige und Abtrünnige diskriminiert. Die anatolischen Aleviten unterscheiden sich in ihren Traditionen und Glaubensinhalten von den aus der Zwölfer-Schi'a abgespaltenen syrischen Aleviten, die in der Religionswissenschaft auch als "Nusairie" bezeichnet werden (nach dem Vorläufer des elften Imam, Abu Schu'ayb Mohamed ibn Nusair).

Trotz der Abgrenzung zum orthodoxen Islam gibt es unter den Aleviten eine sehr kleine Gruppe, die sich in erster Linie als Muslime und weniger als Aleviten versteht. So verrichten sie neben dem alevitischen Gottesdienst sunnitische Gebete in einer Moschee. Etwa 400.000 bis 700.000 der rund 2,6 Millionen Türken, die in Deutschland leben, sind anatolische Aleviten, eine eigene endogame Glaubensgemeinschaft, deren Zugehörigkeit durch Geburt bestimmt wird. Im Bewusstsein ihrer religiösen und sozialen Besonderheit, die ihnen jahrhundertelang Ausgrenzung und Nichtanerkennuung durch die islamisch-türkische Umwelt einbrachte, haben sie ihre Identität bis vor wenigen Jahren verborgen. Erst seit den 1990er Jahren machen sie auf ihre Existenz als eigenständige Glaubensgemeinschaft aufmerksam. Dies zeigte sich auch in der Umbenennung des Berliner Vereins "Patriotische Einheit" in "Kulturzentrum Anatolischer Aleviten e.V." (1991), wo neben sozialen und kulturellen Veranstaltungen auch religiöse Zusammenkünfte stattfinden.

In der Türkei haben die Aleviten einen Anteil an der türkischen Gesamtbevölkerung von 15-25% (ca. 20 Milionen). Sie sind seit Jahrhunderten Diskriminierung und Verfolgung seitens orthodoxer Sunniten ausgesetzt. Diese liberale Richtung des Islam unterstützte die Gründung der modenen türkischen Republik sowie die Trennung von Staat und Religion. Obwohl die Aleviten Glaubensfreiheit genießen, werden sie vom türkischen Staat nicht als eigenständige und gleichberechtigte Religionsgemeinschaft anerkannt. In der Vergangenheit gab es immer wieder Zwangssunnitisierungen und pogromartige Übergriffe gegen Aleviten.

Die Diskriminierung der Aleviten wird von der Europäischen Kommission kritisiert. Ein Beitritt der Türkei zur EU ohne Anerkennung der Aleviten als muslimische Minderheit sei aufgrund der alle EU-Staaten verpflichtenden Religionsfreiheit undenkbar.

Zahlreiche Kurden sind Aleviten.

Die Aleviten sind nicht zu verwechseln mit der noch heute in Marokko regierenden Dynastie der Alawiden, die ihre Abstammung auf al-Hassan, dem Enkel des Propheten Muhammad zurückführen. Auch die in Irak, im Libanon, in der Türkei, hauptsächlich aber in Syrien lebenden Alawiten (Nusairier - Muhammad ibn Nusair an-Numairi) stellen eine eigenständige islamisch-schiitische Gruppe.

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Aleviten in Berlin

Unter den (etwa) 115.000 Türken (plus ca. 35.000 deutsche Staatsbürger türkischen Ursprungs; 2007), die in Berlin leben, ist eine große Anzahl von Aleviten. Nach einer Selbsteinschätzung sollen es etwa 40.000 sein (1993). Tatsache ist, dass die Aleviten wegen der verstärkten Diskriminierung, unter der sie in der Türkei seit Mitte der 1960er Jahre gelitten hatten, überproportional als Arbeitnehmer nach Deutschland kamen. Diese Überproportionalität besteht auch bei türkischen Asylsuchenden seit Ende der 1970er Jahre, als sich die Übergriffe gegen linke Aleviten mehrten.

Seit 1978 existierte in Berlin ein Alevitenverein unter dem Namen "Patriotische Einheit" (Yurtseverler Birligi), der auch als "Türkischer Arbeiterverein e.V." (1979) firmierte, um sich damit vor Ausgrenzung und Diskriminierung zu schützen, weil gerade Ende der siebziger Jahre in der Türkei starke Auseinandersetzungen zwischen laizistischen und islamischen Kräften stattfanden. Erst seit 1991 bekennen sich die Aleviten öffentlich als eigenständige Glaubensgemeinschaft, wie auch durch die Umbenennung des Vereins in Kulturzentrum Anatolischer Aleviten (Anadolu Alevileri Kültür Merkezi, A.A.K.M.) deutlich wird.

Im Jahr 2002 wurden die Aleviten durch den Berliner Senat als Religionsgemeinschaft anerkannt. Dadurch erhielten sie auch die Möglichkeit, alevitischen Religionsunterricht in den Berliner Grundschulen zu erteilen.

Glauben und Traditionen

Die Eigenständigkeit dieser aus dem Islam hervorgegangenen religiös-sozialen Bewegung zeigt sich in der Ablehnung der "Fünf Säulen" des Islam. Die Aleviten haben keine Moscheen. Da für sie das Gebet überall und zu jeder Zeit möglich ist, halten sie auch nicht an den fünf Gebetszeiten fest. Sie fasten nicht, der Koran gilt nicht als Offenbarung, der darauf beruhende islamische Rechtskodex, die Scharia, wird abgelehnt; ebenso die Pflicht der Pilgerreise nach Mekka.
Neben den islamischen Glaubenselementen (die in ein offenes System eingebettet sind) setzen sich die Glaubenslehren der Aleviten aus polytheistischen, schamanistischen, philosophischen und mystischen Elementen zusammen.

Im religiösen Mittelpunkt steht die Liebe und Verehrung zu Ali und den Zwölf Imamen, deren Führer Ali ist. Das tragische Schicksal seiner beiden Söhne Hasan und Hussein, die nach Ali den höchsten Rang einnehmen, steht seit Jahrhunderten im Mittelpunkt alevitischer Dichtungen. Sie werden als Rezitationsgesang (Ilahi-Gesänge), begleitet auf dem Saiteninstrument Saz, auf religiösen Versammlungen vorgetragen.


Berühmt ist bis heute der alevitische Dichter Yunus Emre, der im 14. Jahrhundert lebte und dessen Dichtungen sich gegen die sunnitische Orthodoxie wendeten.

Der Alevismus fordert keine religiösen Pflichten, anstelle einer Glaubensdogmatik stehen ethische Gebote, die sich durch einen universalen Charakter auszeichnen. Das einzige Gebot ist die Forderung: "Tue Gutes und meide das Böse". Brüderlichkeit, Menschenliebe, Wahrheit, Recht, Vernunft, Weisheit und Güte sollen die Handlungen der Menschen bestimmen.

"Der Mensch ist das Buch, das spricht, der Glaube ist in der Brust, nicht im beschriebenen Papier"
(Naim Be Frasheri, Die Bektaschis, 1926).

Das Ziel des Menschen soll immer die Annäherung an Gott sein, eine Parallele zum Sufismus, das auch die vom Islam gezogenen Grenzen sprengte.
Muslime und Christen werden von den Aleviten als Brüder angesehen, denn alle Religionen haben den gleichen Rang. Der große alevitische Reformator des 16. Jahrhunderts Pir Sultan Abdal sagte:
"Menschen, lasst uns eins sein."

Die religiösen Autoritäten sind Männer, die aus "heiligen Geschlechtern" (ocak) abstammen, sie werden Dede genannt.

Die Versammlungen der Gemeinden, die nicht nur religiösen Charakter haben, sondern auch zur Klärung sozialer Fragen einberufen werden, finden seit einigen Jahrzehnten in der Regel einmal wöchentlich in Dschem-Häusern statt, die die Aleviten anstelle von Moscheen haben. Dschem (türk:: Cem) bedeutet "Zusammenkunft, Versammlung", zugrunde liegt ein arabischer Wortstamm (dschama'a), von dem sich auch das arabische Wort für Moschee ableitet.

Der Dede oder Pir leitet diese Zusammenkünfte, die von Frauen und Männern unterschiedlichen Alters (nicht unter 14 Jahre) besucht werden. Die Frau gilt als gleichberechtigt und kann bei den Dschem-Veranstaltungen auch die Funktion des Mundschenks übernehmen. Auch in früheren Zeiten ging sie unverschleiert, in der Gemeinde wird die Frau als Schwester oder Mutter angesehen.
Ein besonderes Ritual, das nur während der Cem durchgeführt werden sollte, ist der rituelle Gebetstanz SEMAH, dessen Sinn das Einswerden mit Gott und der Natur ist. Obwohl es bei diesem Tanz zu keinerlei körperlichen Kontakt kommt, hatten sunnitische Muslime bereits in osmanischer Zeit den Aleviten Inzest vorgeworfen.

Die ansonsten unauffällig lebenden und weitgehend gut in die deutsche Gesellschaft integrierten Aleviten erlangten in Deutschland besondere Aufmerksamkeit durch den "Tatort" ("Wem Ehre gebührt") vom 23. Dezember 2007 im Fernsehsender "Das Erste" (ARD), der eine Inzestsituation in einer in Deutschland lebenden alevitischen Familie zum Thema hatte. Siehe auch: de.wikipedia.org, Aleviten

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    Literatur:

    Der Artikel entstammt der Broschüre "Einheit in der Vielheit - Weltreligionen in Berlin" (Autorin: Gabriele Yonan; Erscheinungsjahr: 1993) und durfte mit Genehmigung der damaligen Ausländerbeauftragten von Berlin (Herausgeberin der Broschüre) in Auszügen auf meiner alten Webseite von muz-online.de (2000-2017) veröffentlicht werden.
    Der Original-Text wurde von my-europe.de an einigen Stellen leicht modifiziert und wird von Zeit zu Zeit aktualisiert.

  • Zu Gabriele Yonan:
    G.Y. wurde 1998 aufgrund fehlerhafter Selbstbezeichnungen von Seiten der FU-Berlin verwarnt. .



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