Norwegen

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Offizieller Name: Königreich Norwegen
Hauptstadt: Oslo
Fläche: 323.877 km² (ohne arktische Gebiete Svålbard und Jan Mayen)
Landesnatur: Größtenteils Gebirgsland mit stark vergletscherten Hochflächen, das zum Atlantik steil, nach O hin flach abfällt, im S schmales Küstentiefland; an der Westküste Fjorde und Inseln (Schärengürtel)
Klima: An der Küste ozeanisch, sonst kontinental
Hauptflüsse: Glåma, Lågen, Otra
Höchster Punkt: Glittertind 2.470 m
Regierungsform: Parlamentarische Monarchie
Staatsoberhaupt: König
Regierungschef: Ministerpräsident
Verwaltung: 19 Provinzen
Parlament: Einkammerparlament (Storting) mit 165 für 4 Jahre gewählten Abgeordneten
Nationalfeiertag: 17. Mai
Einwohner: 4.442.000 (1999); 5.051.275 (2013; davon 9% Ausländer)
Bevölkerungsdichte: 15 Ew./km²
Stadtbevölkerung: 74%
Bevölkerung unter 15 Jahren: 20%
Sprache: Norwegisch, Samisch
Religion: Protestanten 89% (überwiegend evangelisch-lutherische Christen)
Währung: Norwegische Krone

"Wenn die Vereinigten Staaten Gottes eigenes Land sind, dann wurde Norwegen mindestens vom Heiligen Geist erschaffen", schrieb der erste Literatur-Nobelpreisträger Norwegens (1903), Björnstjerne Björnson.

NORWEGEN erstreckt sich vom Kap Lindesnes im Süden über 1700 km Luftlinie nordwärts bis zum Nordkap und von dort noch weitere 250 km nach Osten. Seine überdehnte Küstenlinie säumt das europäische Nordmeer, und das gebirgige Hinterland ist im Durchschnitt kaum breiter als hundert Kilometer, bei Narvik sind es nur sechs, bei Oslo immerhin 430 km.
Die Küste misst in der Luftlinie 2650 km, doch wird sie unter Einschluss der Fjorde, Buchten und vorgelagerten Inseln um das Zehnfache verlängert - und wird zu einem Naturschauspiel besonderer Art.

Mitternachtssonne bei Hammerfest

Zur Geschichte

Einst waren es die alten Wikinger, die von dieser Küste zur Eroberung Europas und sogar Amerikas aufbrachen, heute sind es Touristen aus aller Welt, die an Norwegens atemberaubenden Klippen oder in der stillen Tiefe der Fjorde ein vorzeitliches Naturerlebnis besonderer Art suchen - und auch noch finden können.
Aber Norwegen ist nicht nur ein Naturereignis, sondern es ist ältestes europäisches Kulturland, deutlich gezeichnet von einer langen abendländischen Geschichte. Zahlreiche Steindenkmäler beweisen, dass Norwegen bereits in der Jungsteinzeit etwa um 3000 v.Chr. besiedelt gewesen sein muss. Aus der Bronzezeit, als Germanen sich in den Tälern und an der Küste des Landes niederließen, stammen die Felszeichnungen in der Nähe von Trondheim. Die Siedlungen, deren Namen auf -vik oder -heim enden, zeugen von frühen Kleinkönigtümern, die erstmals 872 von Harald Schönhaar zu einem Reich geeinigt wurden, das aber schon bald wieder in Teilreiche zerfiel.

Vom 9. bis 11. Jahrhundert waren die Normannen in den nördlichen Meeren gefürchtete Eroberer. Ihre Schiffe erreichten England, Island, Grönland und sogar Nordamerika. Doch die Herren der Meere blieben nicht lange Herren im eigenen Land. Im 11. und 12. Jahrhundert gelang es den dänischen Königen mehrmals, Norwegen zu besetzen und den Weg für die Einführung des Christentums zu ebnen. Das Erzbistum Trondheim wurde gegründet, und mit dem Bau der Stabkirchen wurde begonnen. Diese hölzernen Gotteshäuser sind bis heute ein Wahrzeichen Norwegens.

DIE ZEIT DER UNIONEN
Norwegen, Dänemark und Schweden wurden von der dänischen Königin Margarete I., der Witwe des norwegischen Regenten, dessen Vater König von Schweden war, 1397 vertraglich in der Kalmarer Union vereinigt. Mit dem Austritt Schwedens zerbrach zwar 1523 die Union, doch die dänischen Könige blieben auch weiterhin die Könige Norwegens, und das stolze Küstenland wurde für Jahrhunderte dänische Provinz.

Die Dänen führten die Reformation ein, sie übernahmen die Regierungsgeschäfte, Dänisch wurde Schul-, Amts- und Verwaltungssprache, Silber und Kupfer aus Norwegens Gebirgen füllten die Kasse der dänischen Krone. Durch die dänische Niederlage in den Napoleonischen Kriegen ging Norwegen 1814 an Schweden über. Die Norweger bestanden indes auf ihre Selbständigkeit und gaben sich noch im selben Jahr eine liberale Verfassung. In der von Schweden diktierten Personalunion, die Norwegen jedoch anerkennen musste, blieb die norwegische Verfassung in Kraft.

DER UNABHÄNGIGE STAAT
Mitte des 19. Jahrhunderts erwachte in Norwegen ein verstärktes Nationalbewusstsein, das seinen Ausdruck besonders in einem erbitterten Sprachenstreit fand. Die Unabhängigkeit kam 1905, und in einer Volksabstimmung entschieden sich die Norweger für den Erhalt der Monarchie. Die Wahl fiel auf den dänischen Prinzen, der als Haakon VII. (1892-1957) zum norwegischen König gekrönt wurde. Das selbständige Norwegen besann sich seiner Seefahrer-Tradition, und mit dem Aufstieg seiner Handelsflotte erlebte es im Ersten Weltkrieg, in dem es politisch neutral blieb, einen erheblichen wirtschaftlichen Aufschwung. Während des Zweiten Weltkriegs wurde Norwegen von deutschen Truppen besetzt, um von seiner langen Seeflanke englische Übergriffe auf den Kontinent abzuwehren. Der König und die Regierung gingen ins Exil.
Heute gehört Norwegen als freies Land zu allen bedeutenden westlichen Bündnissen wie NATO und EFTA, während ein Beitritt zur EU an zwei Volksreferenden (1972 und 1994) scheiterte. Selbst die historische Kalmarer Union fand im Nordischen Rat, zu dem sich 1951 Norwegen, Dänemark und Schweden, später auch Finnland, zusammenschlossen, eine freiwillige und freizügige Wiederauflage.

NORWEGENS BEITRAG ZUR EUROPÄISCHEN KULTUR
Norwegens Kultur ist Europas Tradition verpflichte, hat diese sogar entscheidend bereichert. Vom Christentum zeugen die eigenwilligen Stabkirchen oder der Nidaros-Dom in Trondheim als eine Perle nordischer Gotik. Die "Eismeerkathedrale" in Tromsø, das Rathaus in Oslo oder die "Jugendstil-Stadt" Ålesund zeigen in Norwegens Architektur Strömungen der europäischen Moderne. In Malerei und Literatur sind es Norweger, die jener Moderne entscheidende Impulse gaben: Edvard Munch zählt zu den Wegbereitern des Expressionismus, Henrik Ibsen wurde zum Vorbild des modernen Theaters, und auch Norwegens eigenste Stimmen blieben nicht provinziell, sondern gewannen Weltruhm. Von der Stille und der Schwermut des Landes am Meer, aber auch von der Gespaltenheit seiner Menschen zwischen Ernst und archaischer Lust erzählen ebenso die Kompositionen Edvard Griegs wie auch die Romane Knut Hamsuns. Ihnen zuzuhören, ist die beste Art, Norwegen und seine Geheimnisse zu verstehen

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Politische Kultur im Wohlfahrtsstaat

Zeugnis für die hohe demokratische Kultur des Landes ist die Tatsache, dass die traditionell stärkste Partei der Nachkriegszeit, die sozialdemokratische "Arbeiterpartei" (DNA), sich durchaus von koalierenden bürgerlichen Parteien auf die Oppositionsbank schicken lässt, ohne dass darüber ein politischer Hader ausbräche. Im Gegenteil, der Umgangston ist auffallend moderat, wohl auch, weil die programmatische Annäherung der etablierten Parteilager - DNA auf der einen Seite, die konservative Höyre-Partei sowie das bürgerliche Zentrum und die Christliche Volkspartei auf der anderen Seite - in den letzten Jahren zu einer Konfliktreduzierung in grundsätzlichen fragen geführt hat.
Und wenn es im "Storting" (Parlament) tatsächlich einmal etwas lauter zugeht, so verliert sich aller politischer Lärm spätestens hinter dem Polarkreis: In der Weite dieser Gebiete findet sich kaum ein Zuhörer dafür. denn in der Finnmark lebt statistisch gesehen auf jedem Quadratkilometer nur ein Mensch, während in Südnorwegen etwa achtzig die gleiche Fläche teilen. Rund 75% der Bevölkerung leben an der Küste und in den Städten, die Entvölkerung des Binnenlandes wird zum Problem. Gleichwohl bleiben die Menschen dem Landleben verbunden und ziehen über das Wochenende und in den Ferien hinaus in die unvergleichliche Natur.
Norwegen bietet auch Platz für Minderheiten. Rund 40.000 Lappen leben noch heute besonders in der Finnmark nach traditioneller Lebensweise als Fischer und Rentierzüchter. Sie pflegen ein typisches Brauchtum, tragen ihre malerische Tracht, und wenn sie mit ihren prächtigen Herden die Fjorde überqueren, gerät dies zu einem ganz eigenen Schauspiel. Ihre Sprache ist finnisch-ugrischen Ursprungs und verbindet sie mit einer weiteren Minderheit: Etwa 12.000 Kwänen bewahren als finnischer Stamm ihre spezielle Prägung.
Die norwegische Sprache kennt zwei offizielle Formen: das an das Altnorwegische angelehnte und aus ländlichen Dialekten entstandene Nynorks - früher einmal "Landsmal" genannt - und die vom Großteil der Bevölkerung bevorzugte, dem Dänischen verwandte Buch- und Schriftsprache, die Bokmal.
Rund 89% der Bevölkerung gehören der evangelisch-lutherischen Staatskirche an. Darin gleichen sich die skandinavischen Länder.

Und ähnlich wie die Nachbarländer hat auch Norwegen nach 1945 ein breites Sozialfürsorgesystem und Gesundheitswesen aufgebaut, das vom vorbildlichen Schul- und Ausbildungswesen bis zur staatlich gesicherten Altersversorgung reicht. Der Wohlfahrtsstaat ermöglicht jedem Bürger ein Leben ohne materielle Not und wacht durch seine Steuerpolitik über eine gerechte Verteilung des Wohlstandes.

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Wirtschaft

Früher drehte sich in Norwegen alles um das Wasser, heute dreht sich alles um das Erdöl. Früher lebten die Norweger nicht schlecht von ihren traditionellen Wirtschaftszweigen, heute leben sie gut bei hohen Löhnen und überteuerten Preisen einer überhitzten Konjunktur.

Die natürlichen Reichtümer des Landes
Die geographischen Voraussetzungen für die wirtschaftliche Entwicklung Norwegens sind eher schlecht: nördlichste Randlage und unwegsames Binnenland mit großen Entfernungen, wenig fruchtbare Landschaften, dafür viel Küste und viel Wasser.
Aber die Norweger wussten die Nachteile schon früh zu ihrem Vorteil zu nutzen. Die Seefahrt wurde ihr Hauptgeschäft: Eroberungszüge, der Wikingerschiffe, Handelszüge der Hanse und ihrer Kauffahrtei, Beutezüge der Fischindustrie bis zur heutigen Überfischungsgefahr, moderne Exportschifffahrt, deren Rentabilität jedoch inzwischen zunehmend gefährdet ist, weil die Schiffsbesatzungen der Billigflaggen-Länder kostengünstiger fahren als die Seeleute Norwegens, eines Landes mit hohen Löhnen und hohen Preisen.
Doch nicht nur als Fischerei- und Schifffahrtsnation gehört Norwegen zu den größten der Welt. Das Meer und die Binnengewässer, die Wasserfälle der Gebirge und die Stauseen auf den unbesiedelten Fjellflächen, dieses riesige Potential an Wasserkraft, haben die Norweger zum führenden Erzeuger von umweltfreundlichem Strom gemacht. Rund 30.000 Kilowattstunden stehen pro Einwohner zur Verfügung (Stand 1999), die Überschüsse werden im Rahmen des Energieverbundes NORDEL in die Nachbarländer exportiert, und es bleibt immer noch genug, um ein spezielles norwegisches Wirtschaftskonzept zu bedienen. In der Nähe der Wasserkraftwerke sind Industrien mit einem extrem hohen Energieverbrauch angesiedelt worden, deren Bedarf andere Länder kaum ohne Kohle- und Kernkraftwerke decken könnten. Aluminium, Magnesium und Kunstdünger werden so in Norwegen mit umweltfreundlichem Strom produziert, womit allerdings ein neues Problem entstand: Smog, denn das Kaltluftklima der Fjorde kann die Abgase jener Industrien nicht hinreichend auflösen.

Industrie und Landwirtschaft
Seefahrt und Energieerzeugung auf Weltniveau haben Schiffbau und Kraftwerktechnik Norwegens einen internationalen Standard gesichert. Und von dem dabei gesammelten Know-how profitieren auch der Maschinenbau, der die heimische Holz-, Textil- und Nahrungsmittelindustrie bedient, und in den letzten Jahren zunehmend der Ausbau einer modernen Hochtechnologie als neuer Wirtschaftszweig.
Meer und Wasserreichtum als Keimzelle eines vernetzten Wirtschaftskonzeptes lassen die Landwirtschaft scheinbar in den Hintergrund treten. Ohnehin sind nur 3% des kargen Landes agrarisch nutzbar und davon wiederum nur ein Teil für den Ackerbau. Die traditionell kleinbäuerlichen Betriebe können kaum rentabel arbeiten und zwingen die Bauern zum Nebenerwerb. Dafür nutzen auch diese die spezielleren Reichtümer des Landes.

Riesige Wälder bedienen seit Jahrhunderten eine bedeutende Holzindustrie, und strenge ökologische Gesetze und Aufforstungen garantieren den Bestand auch für kommende Zeiten. Und in der natürlichen Heimat von Nerz und Blaufuchs entwickelte sich eine bedeutende Pelzindustrie.
Die partiell überfischten Gewässer erlauben jenseits der kriselnden Hochseefischerei eine hochmoderne Aquakultur: Die Aufzucht von Speisefischen gehört zu den gewinnträchtigsten Wirtschaftszweigen Norwegens.
Ob zu Wasser oder zu Lande: im Mittelpunkt der norwegischen Wirtschaft steht die Fähigkeit, Mangel durch Spezialisierung in Nutzen zu verwandeln. Allein damit hat Norwegen erheblichen Wohlstand erwirtschaftet, und die Gesellschaft erfuhr eine eindeutige Prägung durch das Muster der so entstandenen Industrien: die Fischer und Kapitäne der Handelsmarine, die Reeder und Kaufleute des Exportgeschäftes sowie die Fachleute der Wasser- und Waldwirtschaft als eher behäbige Führungsschicht, in ihrem Gefolge ein breiter Mittelstand und eine ärmere Bauernschaft.

Norwegens Wirtschaft im Zeitalter des Erdöls
Seit 1976 gehört Norwegen zu den erdöl- und erdgasexportierenden Ländern. Erdöl und Erdgas sind heute die Hauptausfuhrprodukte des von landwirtschaftlichen Importen abhängigen Landes. Sie verschafften Norwegen ein beträchtliches Wirtschaftswachstum. Doch der Verfall der Ölpreise Mitte der 1980er Jahre verursachte eine schwere Wirtschaftskrise. Die schwierige Bergung des flüssigen Goldes aus der stürmischen Nordsee ließ mit den gigantischen Bohrinseln bei Ekofisk oder Frigg technische Wunderwerke entstehen, die zu teuer wurden. Und mit dem Verfall der Ölpreise zeigte sich auch die Schwäche der herkömmlichen Industrie: Eine eher traditionell funktionierende Wirtschaft hatte sich ins Öl verrannt und über ihre Verhältnisse gelebt. Doch die Norweger haben daraus gelernt. Bei einem normalen Weltmarktpreis bedeutet das Öl für Norwegen inzwischen eine wesentliche Stütze seines Wohlergehens, aber die Gewinne werden auch zur Reformierung der traditionellen Industriezweige investiert. Dieser Umbruch wird von einer neuen Generation von Norwegern getragen, denn der Ölboom hat neben den wirtschaftlichen auch die gesellschaftlichen Strukturen verändert: Die Magnaten weichen den Managern. Was gewinnträchtiger ist, zeigt die Gegenwart, was wertvoller war oder werden wird, muss die Zukunft zeigen.

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Literatur

Literatur: Alle Länder dieser Erde. Band 2, Sonderausgabe in 2 Bänden, Reader's Digest (Hg), Bertelsmann, Gütersloh/München, 2001, S.1066 f.

www-Links

 Vogelgrippe - Schweinegrippe - Corona

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